Gustav "Bubi" Scholz - Deutschlands Boxer des Wirtschaftswunders

Gustav

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-23969-0002 [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Zu seiner aktiven Zeit in den 50er und 60er Jahren war Gustav “Bubi“ Scholz als Boxer so bekannt und von vergleichbarem Ansehen wie Max Schmeling. Doch während heute noch jeder Max Schmeling kennt (ohne notwendigerweise selber Boxfan zu sein), kann man solches von Gustav Scholz nicht behaupten. Dabei wurden seine Titelerfolge nur von Schmeling und Maske übertroffen (zumindest mit Blick auf Weltmeistertitel). Doch seine Kampfbilanz weist ihn als den besten deutschen Boxer seiner Zeit und darüber hinaus aus.

Warum er als Ebensolcher jedoch heute nicht noch weit bekannter ist, liegt allem voran an zwei Dingen: Eine Weltmeisterschaft blieb ihm versagt. Überdies ermordete er 1984 seine Frau Helga, was im Nachhinein all seine Meriten als Boxer überschattete und ihn zu einer Person machte, über die die Sporthistorie lieber den Mantel des Schweigens hüllt. Danach nahm es ein tragisches Ende mit ihm. Kaum aus der Haft entlassen, baute er rapide ab, wurde dement und starb schließlich im Jahr 2000 in einer Pflegeeinrichtung.

Bubi Scholz - der Boxer

Die Kampfbilanz von Scholz umfasste letztendlich 88 Siege, 2 Niederlagen und 6 Unentschieden. 46 seiner Siege erzielte Bubi Scholz durch KO. Niemals wurde er selber ausgeknockt. Erst in seinem 70. Profikampf erlitt er seine erste Niederlage. Und dabei war Bubi Scholz niemals Amateur-Boxer gewesen, sondern startete direkt als Profi, was damals eine Seltenheit war. Vor allem bei jemandem, der derart erfolgreich werden solle. Scholz wurde deutscher Meister im Weltergewicht und verteidigte diesen Titel mehrfach. Nachdem er ins Mittelgewicht umgesattelt hatte, wurde bei ihm eine Lungentuberkulose diagnostiziert. Doch das befürchtete Karriereende blieb aus.

Scholz kehrte nach fast zwei Jahren zum Ring zurück und errang in seinen nachfolgenden Kämpfen die deutsche Meisterschaft und später die europäische Meisterschaft im Mittelgewicht (die damals noch einen weit höheren Stellenwert hatte). Bei einem finalen Vorstoß ins Halbschwergewicht kämpfte er gegen Harold Johnson um die Weltmeisterschaft, verlor diesen Kampf aber. Eine Niederlage, mit der er zeitlebens gehadert hat. In seinem letzten Kampf errang Scholz noch die europäische Meisterschaft im Halbschwergewicht, gewann diesen Kampf jedoch kontrovers, da sein Gegner, Giulio Rinaldi, wegen einer Spitzfindigkeit disqualifiziert wurde, nachdem Scholz bereits ausgezählt worden war. Scholz beendete anschließend seine Karriere.

Gustav Scholz - der Geschäftsmann

Scholz lebte die typische Erfolgsgeschichte. Aus einfachen Verhältnissen am Berliner Prenzlauer Berg kommend, öffnete ihm sein boxerisches Talent Tür und Tor. Mit seinen anhaltenden Erfolgen wurden er und seine Frau Helga (die er 1955, im Jahr seiner Erkrankung, geheiratet hatte) zu schillernden Figuren der Berliner High Society. Sie wurden praktisch überallhin eingeladen! Bereits zu Gustavs aktiver Zeit nutzte das Ehepaar Scholz dessen Ruf als Boxer aus, um Geschäfte darauf aufzubauen. So eröffnet Scholz eine Parfümerie in Berlin. Das Tagesgeschäft übernahm dabei größtenteils Helga, sodass er sich auf seine sportliche Laufbahn konzentrieren konnte. Später kam eine zweite Parfümerie hinzu. Das Ehepaar legte sich eine Villa im Berliner Westend zu.

Auch nach seinem letzten Kampf blieb Scholz nicht müßig. Er nutzte abermals seinen Namen, um in Berlin eine Werbeagentur “Zühlke und Scholz“ zu gründen. Diese erwies sich vorerst als Erfolg, da Gustav Scholz über seine aktive Karriere hinaus ein prominentes Gesicht blieb. Das machte ihn natürlich als Werbepartner attraktiv. Auch im Film und der Musik landete Scholz einige Auftritte.

Gustav Scholz - der Gescheiterte

Doch sollte das Ehepaar Scholz noch herausfinden, wie sehr der Ruf an dieser aktiven Laufbahn hing. Denn je weiter diese zurücklag, umso wenige Strahlkraft hatte sie. Das lag jedoch auch daran, weil beide mit dem flackernden und schließlich erlöschenden Ruhm nicht gut umzugehen wussten. Heute weiß man, dass im Hause Scholz reichlich getrunken wurde und das Gustav Scholz seiner aktiven Laufzeit zunächst sentimental und später geradezu neurotisch nachtrauerte. Ständig quartierte er sich zu Hause ein und schaute am laufenden Band seine alten Kämpfe an. Das Ganze kredenzt mit hartem Alkohol. Eine echte Veränderung in seinem Verhalten, denn als Sportler lebte er immer sehr asketisch, versagte sich das Rauchen und Trinken über seine gesamte aktive Zeit. Nun trieben ihn Suff und neurotische Nostalgie in die Depression.

Seine Frau Helga stürzte sich in Arbeit, trank zu Hause jedoch auch immer mehr. Dass eine solche Konstellation zu Konflikten führen würde, war abzusehen. Nicht jedoch die Tragödie, in der es enden sollte. Helga, die dem Trübsal ihres Mannes immer überdrüssiger wurde, ihn aber auch nicht verlassen wollte, geriet mehrfach und heftig mit ihm aneinander. Insbesondere wenn beide getrunken hatten. Bei diesen Gelegenheiten soll sie mitunter auch sehr ausfällig geworden sein. Dies mündete am Abend des 22. Juli 1984 in einer affektiven Bluttat. Wie so häufig hatte sich Helga während eines trunkenen Streits im Gästeklo verbarrikadiert, wo sie auf Abstand gehen konnte. Gustav Scholz schoss mit einem Gewehr durch die Tür und traf seine Frau tödlich. Besonders makaber und symbolträchtig war dabei, dass ihm dieses Gewehr von einem Fan geschenkt worden war.

Scholz bestritt bis zuletzt, dass er seine Frau habe töten wollen. Zunächst verstrickte er sich in widersprüchliche und als unsinnig erkannte Aussagen. So sagte er zuerst aus, der Schuss hätte sich gelöst, als er die Waffe reinigte. Dann war er dazu übergegangen, dass er gar nicht habe schießen wollen und dass der Schuss sich durch ein Stolpern gelöst hätte. Auch dies wurde von den Waffenexperten widerlegt. Letztlich wurde er wegen fahrlässiger Tötung verurteilt und musste drei Jahre ins Gefängnis. Den Ausschlag für dieses milde Urteil gab, dass Scholz zum Tatzeitpunkt betrunken gewesen war und weil durch die verschlossene Tür kein gezielter Schuss möglich und somit keine Tötungsabsicht nachweisbar war. Es lag nur ein Schuss vor, den Scholz stehend und nach oben abgewinkelt abgefeuert hatte. Er war davon ausgegangen, dass Helga auf dem Klodeckel sitzen würde, und hatte bewusst so geschossen, dass die Kugel sie nachweislich klar verfehlt hätte. Doch Helga hatte direkt hinter der Tür gestanden (möglicherweise um zu lauschen) und einen tödlichen Treffer erlitten.

Welchen Anteil hatte Scholz Geisteszustand?

Wie konnte es zu einer solchen Eskalation kommen? Ungeachtet dessen, dass beide tranken und Helga im Zorn wohl sehr verletzend sein konnte, erklärt das noch nicht eine solche Handlung. Denn auch wenn der Tathergang impliziert, dass Scholz seine Frau nicht töten wollte, so agierte er doch absolut desaströs, als er es überhaupt über sich brachte, einen Schuss in diesen kleinen Raum abzugeben.

Das Grab auf dem Friedhof an der Heerstraße von Gustav

Bildquelle: Bodo Kubrak [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Gustav "Bubi" Scholz war depressiv. Und Depressionen neigen sich bei Männern durchaus vermehrt in gewalttätigen Zornesausbrüchen (gegen sich und andere). Insbesondere darf man bei einem Boxer (auch einem ehemaligen) wohl getrost davon ausgehen, dass ein gewisses aggressives Potenzial im Affekt nicht abwegig ist. Doch der boxerische Hintergrund von Gustav Scholz könnte auch auf anderer ebene eine noch viel entscheidendere Rolle gespielt haben. Denn heute weiß man, das wiederkehrende Traumata gegen den Kopf, wie sie selbst gute Boxer immer wieder erdulden (in Kämpfen, im Sparring etc.) ernsthafte neurologische Störungen nach sich ziehen können. Dass gerade besonders viele Boxer und Football-Spieler dement werden, ist kein Zufall. Sie erleiden in ihrer Karriere immer wieder Gehirnerschütterungen. Mitunter Schwere. Insbesondere in Zeiten, in denen die Sportverbände so etwas wie eine Gehirnerschütterung noch als leichte Verletzung abtaten. Dies mitunter ein Grund dafür, warum etliche Profi-Boxer früher viel mehr Kämpfe hatten (Scholz hatte 96). Heute weiß man, dass diese wiederkehrenden Traumata alle möglichen Verwerfungen nach sich ziehen können. Man beschreibt diese krankhaften, neurologischen Veränderungen als CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie). Diese Erkrankung mündet im Alter meist in einer Demenz, kann aber schon vorher zu massiven Verhaltensänderungen führen. Darunter Depression und Aggression.

Es ist eine der mit Abstand unschönsten Seiten des Kampfsports. Denn wie viele alte Boxer haben alle möglichen Dramen durchlebt und ein elendiges Ende genommen? Man wird es nie wissen. Denn wenn sie nicht so bekannt waren wie Bubi Scholz, wird es kaum jemand je erfahren und sich auch keiner dafür interessieren. Das ist die bittere Wahrheit.


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