Sam Bennett peilt Grand Tour Punktewertung bei der Vuelta a España 2019 an

Vorschau auf die Vuelta a España 2019

Bildquelle: Estevoaei [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Noch während bald die Deutschland Tour Radsport nach Germanien bringt, steht zeitgleich die Vuelta a España 2019 steht vor der Tür! Die traditionellerweise letzte Grand Tour der Radsaison ist stets eine etwas unberechenbare Angelegenheit. Zum einen, weil das Aufkommen an Favoriten dort immer etwas ungewiss ist. Schließlich haben viele von ihnen zu diesem Zeitpunkt bereits den Giro d‘Italia 2019, die Tour de France 2019 oder gar beides in den Beinen. Zumal die Vuelta a España 2019 von allen drei Grand Tours die Jüngste ist (dieses Jahr findet die 74. Auflage statt) und so bisweilen als die “kleine“ Grand Tour abgekanzelt wird.

Doch das Favoritenfeld bei der diesjährigen Vuelta a España 2019 kann sich durchaus sehen lassen. So treten mit Steven Kruijswijk und Primoz Roglic nicht nur die Drittplatzierten der diesjährigen Tour de France und des Giro d‘Italia an. Auch der Sieger des Giro d‘Italia 2019, Ecuadors Richard Carapaz, ist mit dabei! Aus deutscher Sicht wird vor allem Bora-Hansgrohe bemüht sein, Sam Bennett als dritten Sprinter dieses Jahr zu einem Grand Tour Sieg in der Punktwertung zu führen. Doch leicht wird das nicht. Denn die Vuelta a España 2019 wartet dieses Jahr mit einem ungewöhnlichen Streckenprofil auf, bei dem die Tage der Sprinter quasi an einer Hand abgezählt werden können.

Über Stock und Stein – das Etappenprofil

Unorthodox ist auch, wie das Rennen seien Bergetappen aufteilt. Anstatt dass diese gerafft in den zweiten und dritten Rennwochen kommen, so wie sonst meistens bei Grand Tours üblich, verteilen sich entsprechende Schlüsseletappen quasi über den ganzen Verlauf. Dadurch hat man zu keinem Zeitpunkt mehr als zwei reine Bergetappen hintereinander. Das heißt aber nicht, dass die Sprinter nun beruhigt durchatmen können. Denn wirklich flache Etappen sind ebenfalls Mangelware. Sofern das Feld nicht wirklich sehr gut und koordiniert zusammenarbeitet, könnte dies tatsächlich eine Vuelta a España 2019 der Ausreißer werden!

Am ersten Tag geht es gemeinschaftlich aufs Rennfahrrad, denn es steht ein Mannschaftszeitfahren über 13,4 Kilometer von Salinas de Torrevieja nach Torrevieja an. Hier wird insbesondere Team Jumbo-Visma, einer der logischen Favoriten nicht nur für diese Etappe, sondern für das Gesamt-Klassement, sogleich bestrebt sein, erste Löcher zu reißen. Die zweite Etappe von Benidorm nach Calpe geht über knapp 200 Kilometer. Eine hügelige Etappe, die mit zwei zweiten und einer dritten Kategorie bereits erste Aspiranten auf das Bergtrikot in die Flucht nach vorne treiben wird. Dabei ist eine besonders steile zweite Kategorie nur 30 Kilometer vom Ziel entfernt, was für böse Überraschungen aus Sicht der Sprinter sorgen könnte.

Magere Kost für die Sprinter?

Etappe drei führt von Ibi nach Alicante und geht über 188 km. Dabei ist das letzte Drittel (unterbrochen von zwei dritten Kategorien und wenigen Hügeln) nahezu eine stete Abfahrt. Verwegene Abfahrer werden hier versuchen, einem jagenden Peloton zu entgehen! Etappe Nummero vier dürfte dann die Erste sein, die den Sprintern aller Voraussicht gehören wird. Rund 176 Kilometer von Cullera nach El Puig, wobei die letzten 30 vollkommen flach auslaufen. Doch daran sollten sich die Sprinter nicht gewöhnen.

Denn die fünfte Etappe von L’Eliana zur Sternwarte Observatorio Astrofísico de Javalambre führt über 170 Kilometer zur ersten Bergankunft – ohne jedoch selber eine ausgewachsene Bergetappe zu sein. Zwischendrin setzt es, auch wenn das Gelände stetig steigt, nur eine zweite und eine dritte Kategorie. Doch die Bergankunft an der Sternwarte ist dann eine erste Kategorie. Ein ähnlicher Hybrid aus Hügel- und Bergetappe ist die sechste Etappe von Mora de Rubielos nach Ares del Maestrat. Kaum ein flaches Teilstück, jedoch auch nichts dabei, was über eine zweite Kategorie hinausgeht. Das Ziel liegt nach knapp 200 Kilometern auf der Kuppe einer dritten Kategorie. Also durchaus eine Etappe, bei der auch Hügelsprinter (Puncher) auf die Idee kommen könnten, das rote Trikot anzugreifen. Ein Fahrertyp, der sonst eher die Eintagesrennen und ihre oftmals hügeligen Profile dominiert.

Weitere Bergankünfte bei der Vuelta a España 2019

Etappe Nummer sieben von Onda nach Mas de la Costa ist dann wieder ein Radwettkampf aller Disziplinen über 183 Kilometer. Das erste Drittel verläuft flach, ehe es hügelig wird und dann unversehens in einer Bergankunft der ersten Kategorie endet. Also wieder etwas von allem dabei! Und doch zu wenig und zu hügelig, um als reine Bergetappe zu gelten. Anschließend folgt eine gerade in der zweiten Hälfte abschüssige Etappe von Valls nach Igualada. Hier werden die Teams der Sprinter das Ruder übernehmen müssen, um eine der dünn gesäten Gelegenheiten für ihre Sprint-Kapitäne zu wahren.

Die neunte Etappe beschließt den ersten Teil der Vuelta a España 2019, ehe es zum ersten Ruhetag geht. Die nicht einmal 100 Kilometer lange Etappe von Andorra la Vella nach Cortals d’Encamp wird die erste lupenreine Bergetappe der diesjährigen Spanien-Rundfahrt und hat es sogleich in sich. Zwei zweite Kategorien, zwei erste Kategorien (eine davon die Ankunft) und eine Sonderkategorie! Hier werden die ersten entscheidenden Standortbestimmungen mit Blick auf das Gesamt-Klassement erfolgen!

Die Schlüsseletappen könnten zwischen den Ruhetagen liegen

Doch auch nach dem Ruhetag setzt sich der Kampf um das Gesamt-Klassement ungebremst fort. Ein Einzelzeitfahren von Jurançon nach Pau über 36,2 Kilometer liefert reichlich Gelegenheit, Konkurrenten entscheidend zu distanzieren. Die elfte Etappe von Saint Palais nach Urdax wird dann ein Tauziehen zwischen den Teams der Sprinter und den Ausreißern. Denn es wird in der Mitte recht hügelig, läuft zum Ende jedoch flach aus. Eine Zwischensprint-Wertung kurz vor dem Ziel erinnert die Sprinter daran, dass die Trauben hier hoch hängen. Mit 170 Kilometern ist die Etappe recht schnell. Recht offen wird auch die zwölfte Etappe von vergleichbarer Länge sein. Sie endet mit einem Triple von kleinen Bergwertungen der dritten Kategorie, ehe es in einer Abfahrt zum Ziel geht.

 

 

Die 13. Etappe von Bilbao nach Los Machucos wird ein Pflichttermin für alle Aspiranten auf das Bergtrikot sein. Denn es setzt dort sechs Bergwertungen der zweiten und dritten Kategorie in Serie, ehe es zu einer Bergankunft der Sonderwertung geht, die zwar nicht hoch, dafür aber sehr steil ist. Gerade in diesem letzten Abschnitt dürften einige Klassement-Fahrer wieder ihre Karten auf den Tisch donnern. Etappe Nummer 14 von San Vincente de la Barquera nach Oviedo sollte dann wieder den Sprintern gehören. Die Etappen 15 (von Tineo nach Santuario del Acebo) und 16 (von Pravia nach Alto de la Cubilla) könnten dann durchaus die entscheidenden für das Gesamt-Klassement werden! Denn hier lauern zunächst vier dann drei Bergwertungen der ersten Kategorie, einschließlich jeweils einer Bergankunft. Es folgt der zweite und letzte Ruhetag.

Die Sprinter übernehmen bei der Vuelta a España 2019

Etappe Nummer 17 von Aranda de Duero nach Guadalajara ist mit knapp 220 Kilometern die längste und sollte trotz holprigem Profil den Sprintern gehören, für die es nun in die entscheidende Phase gehen dürfte. Denn der letzte Abschnitt der Rundfahrt gehört überwiegend ihnen. Mit Ausnahme der 18. Etappe von Colmenar Viejo nach Becerril de la Sierra, die noch einmal vier fette Bergwertungen der ersten Kategorie auffährt, jedoch nicht in einer Bergankunft endet. Etappe 19 von Ávila nach Toledo verlässt nach einer dritten Kategorie die Berge in einer ausgedehnten Abfahrt und verläuft anschließend flach, sodass sich die letzten verwegenen Ausreißer und die Teams der Sprinter in erbitterter Feindschaft gegenüberstehen dürften.

Etappe 20 von Arenas de San Pedro – Plataforma de Gredos führt dann noch ein letztes Mal in luftige Höhen. Dabei wird insbesondere der Anfang knüppelhart, denn eine erste und eine zweite Kategorie gehen nahezu nahtlos (mit nur kurzer Abfahrt) ineinander über! Im Restverlauf folgen noch vier weitere kategorisierte Anstiege, darunter eine erste Kategorie, ehe es mit einer kleinen Bergankunft an der dritten Kategorie endet. Die letzte Etappe von Fuenlabrada nach Madrid ist dann eine entspannte Angelegenheit über 106 Kilometer, bei der traditionell wohl nicht angegriffen wird, ehe der Rundkurs in Madrid angefahren wird und die Sprinter um letzte Punkte sowie Ruhm und Ehre in der Abschlussetappe kämpfen.

Vuelta a España 2019: Teilnehmerfeld und Favoriten

Allzu viele deutsche Radsportler sind bei der diesjährigen Vuelta a España 2019 leider nicht dabei. Phil Bauhaus geht als Sprinter für Bahrain Merida an den Start. Sprint Veteran John Degenkolb tut Selbiges für Trek Segafredo. Jonas Koch startet für CCC. Sunweb bietet Nikias Arndt und Max Walscheid auf. Anders als Bora-Hansgrohe, die ohne einen einzigen Deutschen im Line-Up starten. Jedoch mit den beiden Österreichern Felix Großschartner und Gregor Mühlberger. Der namhafteste deutsche Radrennfahrer ist wohl Tony Martin in Diensten des favorisierten Teams Jumbo-Visma. Dort wird der vierfache Zeitfahr-Weltmeister seine Dienste als Wege bahnender “Panzerwagen“ anbieten, als welcher er von seinen Mannschaftskollegen respektvoll bezeichnet wird.

Die Favoritenrolle fällt Team Jumbo-Visma zu. Mit Steven Kruijswijk und Primoz Roglic fahren sie gleich zwei aussichtsreiche Kandidaten auf den Gesamtsieg auf. Roglic hat dieses Jahr hervorragende Ergebnisse erzielt und beim Giro gezeigt, dass er auch bei einer Grand Tour vorne mitfahren kann. Steven Kruijswijk ist einer der beständigsten Grand Tour Fahrer überhaupt, der dieses Jahr mit seinem dritten Rang eines seiner bislang besten Tour de France Ergebnisse erzielen konnte. Jedoch fahren die Lokalmatadoren von Team Movistar ebenfalls ein starkes Line-Up auf. Der Giro d‘Italia Gewinner Richard Carapaz ist in den Bergen gefährlich und hat mit Alejandro Valverde, Nairo Quintana und Marc Soler diesbezüglich bärenstarke Helfer an seiner Seite!

Bora-Hansgrohe eher an der Punktwertung interessiert

Doch auch Team Astana ist nicht zu übersehen. Mit Jakob Fuglsang und Miguel Ángel López fahren sie ebenfalls zweite starke Fahrer auf, denen insbesondere das zwischen hügelig und bergig schwankende Profil zugutekommen könnte. Als Geheimtipp sei Team Education First genannt, die mit Rigoberto Urán, Tejay Van Garderen, Hugh Carthy, Sergio Higuita und Daniel Felipe Martinez zwar keinen ganz großen Favoriten, jedoch ein durch die Bank starkes Line-Up auffahren. Bei guter Teamarbeit könnten sie sich als Stachel in der Seite der Favoriten erweisen.

Bora-Hansgrohe hat hingegen sein Augenmerk wohl vor allem auf die Punktewertung für Sam Bennett gelegt. Doch mit Rafal Majka und Davide Formolo fahren durchaus auch zwei Männer für einen respektablen Rang im Gesamt-Klassement mit. In dieser Funktion wird das andere deutsche Team, Sunweb, wohl Wilco Keldermann ins Rennen schicken, der vor zwei Jahren Gesamt-Vierter bei der Vuelta a España 2019 wurde. Der Gewinner der letzten Auflage, Simon Yates (Michelton-Scott), tritt dieses Jahr übrigens nicht an.


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