Vuelta a España 2019: Ausfälle, Stürze und offensive Fahrweise in der ersten Woche

Zwischenbericht zur Vuelta 2019

Bildquelle: Peter Edmondson from uk [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Bereits im unmittelbaren Vorfeld sorgte die Vuelta a España 2019 für Gesprächsstoff. Richard Carapaz war nicht dabei. Ein Sturz bei einem vorbereitenden Rennen kostete den Gewinner des Giro d‘Italia 2019 und Movistar Team-Kapitän die Teilnahme. Ein herber Schlag für die Lokalmatadoren, die sich ihres wertvollsten Klassement-Fahrers beraubt sahen.

In diesem Sinne folgte ein turbulenter Start bei diesem spanischen Radwettkampf. Schon im Mannschaftszeitfahren am ersten Aktionstag der Vuelta setzte es die nächsten Schocker: Das favorisierte Team Jumbo-Visma stürzte nahezu kollektiv! Dasselbe Schicksal erlitt Team UAE Emirates. Beide Teams stürzten an derselben Stelle! Dort war plötzlich Nässe auf der Strecke (genau hinter einer Kurve), wo ehedem keine gewesen war. Die Ursache blieb unbekannt. Möglicherweise war es Kühlwasser von einem der Versorgungswagen. Jumbo-Visma bekam durch den Sturz sogleich satte 40 Sekunden eingeschenkt. Team UAE gar über eine Minute. Schnellstes Team wurde Astana, womit ihr Kapitän Miguel Ángel López das rote Trikot übernahm.

Die Klassement-Fahrer offenbaren sich früh

Theoretisch war die 2. Etappe eine reine Zwischenetappe. Doch davon wollte die Favoriten nichts wissen. Am letzten Anstieg der zweiten Kategorie, 25 Kilometer vor dem Ziel, übernahmen unverhofft die Favoriten. Gleichwohl hier eine hügelige Überführungsetappe vorlag, flogen schon die Fetzen! Die unorthodoxe, offene Streckenführung bei dieser Vuelta schuf schon am zweiten Aktionstag erste Standortbestimmungen mit Blick auf das Gesamt-Klassement. Das Ganze zweifelsohne befeuert durch die Stürze am Vortag. Die Teams fühlten einander auf den Zahn! Dabei offenbarte Steven Kruijswijk tatsächlich Schwächen am Hügel!

Ein Omen. Zwei Tage später sollte er das Rennen abbrechen, was eine schlimme Zäsur für Team Jumbo-Visma darstellte, deren Favoriten-Status nun umso mehr wackelte! Indes setzte sich Nairo Quintana aus einer stark reduzierten Spitzengruppe durch, als er eine späte Attacke anbrachte und die anderen Favoriten in der technisch anspruchsvollen Fahrt zum Ziel loswerden konnte. Der Ire Nicolas Roche (Team Sunweb) schlüpfte in Rot.

Sam Bennett stark in den Sprintankünften

In der 3. Etappe blieb Team UAE weiter vom Pech verfolgt. Sprint-Kapitän Fernando Gaviria purzelte an einem Aufstieg hinten raus. Möglicherweise auch dies eine Konsequenz des Sturzes im Mannschaftszeitfahren. Zunächst ein und dann zwei Team-Kameraden ließen sich zurückfallen und versuchten, ihn wieder zurückzuschleppen. Doch das Tempo im Feld zu diesem Zeitpunkt, innerhalb der letzten 30 Kilometer, extrem hoch. Das Ganze nun befeuert, da die Teams der anderen Sprinter natürlich wenig Mitleid mit dem UAE-Sprinter Gaviria hatten. Am Ziel kam es ohne ihn zum Massensprint. Sam Bennett (Bora Hansgrohe) machte seine Ambitionen klar, als er sich dominant um gut und gerne zwei Radlängen im Sprint durchsetzen konnte!

Auch die 4. Etappe blieb hektisch. Jelle Wallays (Lotto Soudal) und Jorge Cubero (Burgos-BH) waren als Ausreißer Duo des Tages unterwegs, konnten dem Feld jedoch nicht dauerhaft entgehen. Dort fuhr dann jedoch ein fieser Seitenwind in die Parade. Dies nutzte Team EF Education First sogleich, um richtig Tempo zu machen, was etliche Teams auf dem falschen Fuß erwischte. Das Feld zerbrach in drei Teile! Im Vorfeld des reduzierten Massensprints spielte jedoch Deceuninck Quick-Step die besten Karten aus. Sie schickten Remi Cavagna zu einer späten Attacke, fünf Kilometer vor dem Ziel. Das Ganze jedoch nur als Täuschkörper. So konnten sie sich aus der Tempo-Arbeit heraushalten und schonten ihre Kräfte für den anschließenden Sprint, wo sie Fabio Jacobsen hauchdünn vor Sam Bennett übers Ziel brachten. Der deutsche Radrennfahrer Max Walscheid (Sunweb), der am Vortag Fünfter geworden war, wurde hier Dritter. Sam Bennett übernahm indes grün.

Miguel Ángel López stärkster Favorit bei erster Bergankunft

Die 5. Etappe lieferte bereits die erste Bergankunft. Drei Ausreißer waren vorneweg: Ángel Madrazo, Jetse Bol (beide Burgos-BH) und José Herrada (Cofidis). Madrazo außerdem der Mann im gepunkteten Trikot. Er führte die Bergwertung an. Bis zu über zehn Minuten Führung wurden dem Trio zugestanden. Doch ab noch 60 zu fahrenden Kilometern fing das bis dahin recht gemächliche Feld an, etwas mehr Gas zu geben. Dennoch reduzierte sich der Vorsprung bis zum finalen Anstieg nur auf sieben Minuten. Herrada natürlich mit dem Problem, hier mit zwei Team-Kameraden einer gegnerischen Mannschaft in der Ausreißergruppe zu konkurrieren.

Gleichwohl Madrazo mehrfach drohte, den Anschluss am letzten Berg zu verlieren, kämpfte er sich immer wieder zurück. Mit einer Willensleistung gewann er sogar überraschend den finalen Sprint zwischen den drei Ausreißern und sicherte so den ersten Sieg, den Team Burgos-BH jemals bei einer Vuelta feiern konnte! Doch auch bei den Favoriten tat sich einiges. Valverde griff drei Kilometer vor dem Ziel an. Nicolas Roche, der in Rot war, nicht fähig mitzugehen. Er war aber ohnehin keiner der großen Favoriten. Jedoch war es letztlich Miguel Ángel López, der sich unter den Klassement-Fahrern absetzen konnte. Allerdings kamen Roglic und Valverde zwölf Sekunden hinter ihm über die Ziellinie. Für die anderen Klassement-Fahrer setzte es jedoch größere Zeitabstände. Miguel Ángel López übernahm das rote Trikot.

Sturz trifft vor allem Team EF Education First schwer

Nach einem hektischen Start in der 6. Etappe ging Wout Poels alleine auf den Nogueruelas Anstieg. Der Niederländer war 17 Sekunden vor den ersten Verfolgern, Stéphane Rossetto und Lawson Craddock, in der Abfahrt. Die beiden schlossen zu ihm auf, konnten sein Tempo aber nicht dauerhaft mitgehen. Doch 41 Kilometer vor dem Ziel wurde auch er gestellt. Elf Fahrer eröffneten eine neue Lücke. Robert Gesink, David de la Cruz, Gianluca Brambilla, Jesús Herrada, Dylan Teuns, Pawel Poljanski, Dorian Godon, Tejay van Garderén, Bruno Armirail, Nelson Oliveira und der Afrikaner Tsgabu Grmay führten bis zu 2 Minuten.

 

 

Im Hauptfeld kam es derweil zu einem schweren Sturz. Rigoberto Uran, Hugh Carthy, Nicolas Roche und Victor de la Parte waren involviert. Alle vier konnten nicht weitermachen und mussten sich aus der Vuelta a España 2019 zurückziehen! Bitter vor allem für Team EF, die mit Carthy und Uran zwei ihrer bergfesten Fahrer einbüßten! Nach mehreren Geplänkeln in der Ausreißergruppe setzten sich schließlich Dylan Teuns und Jesus Herrada ab. Theuns übernahm dabei die meiste Arbeit, da er durch den gewonnenen Zeitabstand das rote Trikot erringen konnte. So ließ er Herrada in den letzten 400 Metern widerstandslos gewähren, sodass dieser sich den Etappensieg holen konnte.

Der Altmeister schlägt zu!

Der siebte Aktionstag sah gleich zwei Ausreißergruppen. Nachdem die Erste wieder recht früh gestellt worden war, setzte sich bei Kilometer 60 abermals ein achtköpfiges Gespann ab. Jelle Wallays, Philippe Gilbert, Stéphane Rossetto, Quentin Jauregui, Gianluca Brambilla, Michael Storer Sergio Henao und Sebastian Henao (zwei Brüder) fuhren hinfort, während Cyril Barthe und Tomasz Marczynski sich nach 23 Kilometer Verfolgung hinzugesellten. Sergio Henao hatte dabei den produktivsten Tag und sicherte sich die meisten Punkte in der Bergwertung.

An der Bergankunft der ersten Kategorie wurden die letzten Ausreißer jedoch von den dahinjagenden Klassement-Fahrern gestellt. Nairo Quintana beschleunigte drei Kilometer vor der Linie mit Roglic, López und Valverde am Hinterrad. Das Rennen endete buchstäblich mit einem Gipfeltreffen der großen (verbliebenen) Favoriten dieser Vuelta. Valverde hatte ein paar Mal zu kämpfen, brach aber nicht ein. Auf den letzten hundert Metern rückt er nach vorne. Roglic war der einzige Fahrer, der über genügend Antritt verfügte, um noch zu folgen. Jedoch langte es nicht, um den amtierenden Radsport Weltmeister an der Ziellinie zu schlagen. Valverde gewann die Etappe direkt vor Roglic. López zog zum dritten Mal das rote Trikot über. Roglic lag sechs Sekunden dahinter und Valverde weitere zehn Sekunden. Quintana war auf Rang vier mit nur 27 Sekunden Rückstand.

Nikias Arndt gewinnt verregneten Sprint!

Etappe Numero acht sah die bislang größte Ausreißergruppe bei dieser Vuelta. Ganze 21 Fahrer setzten sich ab und fuhren genug Vorsprung heraus, dass sie den Sieger unter sich ausmachen konnten. Darunter mit Jonas Koch und Nikias Arndt auch zwei deutsche Radsportler. Als sich abzeichnete, dass der Etappensieger aus dieser Gruppe kommen würde, begannen natürlich auch hie die Attacken. Die Straße zu diesem Zeitpunkt regennass. Einmal verabschiedete sich sogar der Kameramann, als das Motorrad auf die Seite rutschte!

Martijn Tusveld attackierte zunächst, konnte aber nicht entkommen. Das erhöhte Tempo sorgte jedoch für Auslese auf den letzten Kilometern. Eine starke Attacke von Zdenek Stybar, den als ehemaligen Cyclo-Cross Recken regnerische Bedingungen nicht schreckten, wurde ebenfalls letztlich von einer reduzierten Ausreißergruppe gestellt. Es kam zum Gruppensprint. Hierbei fasste sich Sunwebs Nikias Arndt ein Herz, als sich alle anderen noch verstohlen anschauten. Er sicherte sich seinen ersten Etappensieg bei der Vuelta! Das rote Trikot wechselte abermals. Nicolas Edet (vom Wildcard Team Cofidis), der bestplatzierte Fahrer in der Ausreißergruppe, machte genügend Zeit gut, um überraschend in Rot zu schlüpfen.

Miguel Ángel López investiert viel und stürzt

Vor dem Ruhetag stand mit der neunten Etappe eine der wohl härtesten Bergetappen an. Hier verlor das Feld relativ schnell jede erkennbare Form und wurde stattdessen von Attacken und Gruppenbildungen geprägt. Zunächst fuhren Tao Geoghegan Hart, Poels, Gesink, De Gendt, Fuglsang, Soler, Herrada (Jesus) und Nieve, Kelderman und Higuita vorneweg. Doch die großen Entscheidungen sollten am letzten Anstieg fallen, wo überdies eine Schotter-Sektion, Wind, Regen und phasenweise sogar Hagel lauerten! Ein dramatischer Showdown für den ersten Abschnitt der Vuelta!

Zuvor beschleunigte jedoch Miguel Ángel López an den früheren Hängen. Sein erster Angriff wurde noch zugefahren. Doch die zweite Attacke saß! Insbesondere weil Lopez mit Izagirre und später Fuglsang noch zwei Fahrer in Front hatte, die jeweils auf ihn warteten, um ihn dann zu unterstützen. Quintana und Valverde setzten Roglic abwechselnd unter Druck. Zum Glück für den Slowenen wartete sein Teamkollege Kuss ebenfalls noch auf ihn. In der Zwischenzeit erreichten die letzten verbliebenen Ausreißer den vorletzten Gipfel eine Minute vor López. Die Gruppe Roglic lag wiederum 30 Sekunden dahinter.

Wenige Augenblicke später ändert sich das Wetter und die Vuelta setzt er sich unter düsteren Bedingungen fort. Marc Soler (Movistar) ging allein auf der unbefestigten Schotterstraße davon, während López in diesem Abschnitt (abseits der TV-Bilder) stürzte. Er konnte zwar weiterfahren, doch seine offensiven Bemühungen für diesen Tag waren zunichte! Anweisungen des Teamwagens zwangen einen verärgerten Marc Soler anschließend, auf Nairo Quintana zu warten. Doch kurz bevor der Kolumbianer Kontakt aufnahm, ging der 20-jährige Tadej Pogacar davon und fuhr zum Etappensieg. Quintana übernahm indes rot. Roglic anschließend im Klassement nur sechs Sekunden dahinter und sowohl López als auch Teamkollege Valverde sind keine 20 Sekunden vom roten Trikot entfernt!


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