Wie Verbände und Promoter das Boxen undurchsichtiger werden lassen

Don King eine Legende unter den Promotern

Bildquelle: Fjohnsonphoto [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Boxen ist, weltweit betrachtet, nach wie vor die wohl populärste Form des Preiskampfs. Kein anderer Kampfsport ist in so vielen Ländern derart stark vertreten und tief verwurzelt. Auch wenn MMA diesen Vorrang letzthin etwas angefochten hat. Dennoch sitzt das Boxen, allen Abgesängen zum Trotz, nach wie vor fest im Sattel. Insbesondere in Großbritannien und in Osteuropa ist Boxen derzeit besonders populär und etliche der besten Boxer unserer Zeit kommen aus diesen Gefilden.

Doch hat das Boxen einige Probleme, die selbst für den eingefleischten Fan nicht zu übersehen sind. So ist es selbst bei aufrichtigem Interesse und langjährig erworbenem Hintergrundwissen unnötig kompliziert, dem Sport zu folgen.

 

Unzählige Titel bis hin zu den vermeintlichen „Weltmeistern“, 17 Gewichtsklassen allein bei den Herren, vier mehr oder minder gleichrangige Verbände und Dutzende dahinter. Man sieht vor lauter Gold die Champions nicht mehr. Hinzu kommt eine kräftige Dosis Politik vonseiten der Verbände und Promoter. Diese gesamte Konstellation steht dem sportlichen Vergleich oftmals im Weg. Die Frage danach, wer denn nun der Beste ist, wird dadurch bisweilen spekulativ und etliche große Kämpfe finden nie oder viel zu spät statt.

Zu viele Verbände, zu viele Gewichtsklassen

WBO, WBA, IBF und WBC gelten als die vier großen Boxverbände. Das kann man sich in etwa so vorstellen, wie wenn es beim Fußball neben der FIFA noch drei vergleichbare Körperschaften geben würde. Alle mit eigenen Weltmeistern, Kontinentalmeistern und Dutzenden anderen Meriten. Für jede Gewichtsklasse versteht sich. Ganz zu schweigen von den zahllosen anderen internationalen, kontinentalen und nationalen Verbänden, die von ihrer Bedeutung irgendwo zwischen halbwegs relevant und vollkommen belanglos liegen können. Der einzige andere weltweit agierende Verband, der “den großen Vier“ nahekommt, ist die IBO.

Hinzu kommt, dass es allein im Profi-Boxen der Herren 17 Gewichtsklassen gibt. Eine absurd hohe Anzahl, bei der insbesondere im unteren Bereich viel zu viele obskure Gewichtsklassen vorliegen. So existieren bis zu buchstäblich mageren 59 kg sage und schreibe acht Gewichtsklassen. Zwischen diesen niederen Gewichtsklassen liegen dabei oftmals Abstände, die noch nicht einmal zwei Kilo betragen! Das Einzige, was zwischen diesen Gewichtsklassen liegt, ist eine Junior Tüte bei McDonalds und eine große Coke! Auch wenn Gewichtsklassen grundsätzlich wichtig und berechtigt sind, ist das einfach nur absurd! Die niedrigen Gewichtsklassen sind in den meisten Gefilden ohnehin schwer zu vermarkten. Dass man sie derart zerstückelt, macht die ganze Nummer nur noch konfuser. Zumal Champion im Halbfliegengewicht oder Strohgewicht sich ungefähr so imposant anfühlt, wie es klingt.

Schaut man zu den MMA, wo Gewicht naturgemäß eine noch größere Rolle spielt (da neben den Schlagtechniken auch noch gerungen wird), so kommt man dort mit deutlich weniger Gewichtsklassen zurecht. Dort gibt es insgesamt 10 Gewichtsklassen bei den Herren, von denen die oberste und die unterste (Super-Schwergewicht und Strohgewicht) kaum eine kommerzielle Rolle spielen. Die UFC bedient bspw. nur acht Gewichtsklassen (bald 7, da das Fliegengewicht gestrichen wird).

Mangelnder sportlicher Vergleich durch Backstage-Politik

Die Kombination aus vier gleichrangigen Verbänden an der Weltspitze (und noch nicht mal Gott weiß wie vielen dahinter) und zu vielen Gewichtsklassen ruft in Summe ein weiteres Problem auf den Plan: Es gibt zu verdammt viele Titel! Denn freilich sind selbstredend alle Verbände von Rang (und solche, die es gerne wären) bestrebt, möglichst viele Gewichtsklassen zu bedienen. Und das nicht nur in Form von Weltmeisterschaften. So darf auch eine kontinentale Meisterschaft nicht fehlen. Oder eine interkontinentale Meisterschaft. Oder eine internationale Meisterschaft. Oder ein Diamond Titel. Oder ein Super Weltmeistertitel (wie bei der WBA). Oder ein Silver Title. Oder ein „Haste-nicht-gesehen-Titel“.

Es ist selbst dem größten Box-Enthusiasten kaum möglich, sämtliche Titelträger eines großen Verbandes zu nennen. Und dann gibt es davon vier Stück! Fünf, wenn man die IBO mitzählt. Nicht zu vergessen die Ring Magazine Titel. Es ist einfach nur absurd! Vor allem wenn ein entsprechender Titel eigentlich impliziert, dass man es mit dem besten der Welt, eines Kontinents oder eines Landes zu tun hat. Im Normalfall ist er aber nur einer von vielen. Die Bedeutung der Titel wird absolut verwässert. Doch ist der meisterliche Überschuss nicht nur eine Konsequenz aus dem inkompetenten Kompetenzgerangel der Verbände. Auch den Promotern ist scheinbar an dieser Konstellation gelegen. Denn so können sie immerzu mit Leichtigkeit einen Titel oder eine Verteidigung desselben anberaumen. Ist ja genug für alle da! Es ist nicht länger nötig, den eigenen Goldesel der Gefahr einer Niederlage auszusetzen, indem er sich mit einem gefährlichen Gegner misst. Er hat ist ja schon ein Weltmeister. Die Betonung liegt auf “ein“ (nicht “der“)! Und genau das ist das Problem.

Institutionalisierte Korruption

Diese Winkelzüge der Promoter gehören mittlerweile zum Sport wie die Handschuhe. Dabei ist der inflationäre Weltmeister-Hype aber noch eine der kleineren Sünden. Was jedem auch nur halbwegs aufmerksamen Beobachter viel eher ein Dorn im Auge ist, ist das manipulative Matchmaking. Wobei bisweilen mit unlauteren Methoden sichergestellt wird, dass hinterher das Ergebnis stimmt. Meist besteht die eine Hälfte einer Matchcard aus Lokalmatadoren, die möglichst glänzen sollen. Dabei kann es sich um etablierte Namen sowie aufzubauende Talente handeln. Man erkennt sie meist daran, dass ihre Teilnahme meist schon beworben wird, während ein Gegner sich erst noch finden muss. Dann wird eine Armee von Journeymen und von glasklaren Losern eingeflogen, um als Gegner zu firmieren. Das kann auch durchaus subtiler stattfinden. Doch als grundsätzliche Konstellation gilt diese Strategie des Matchmakings nahezu universal im Boxsport (wenn man von den gelegentlichen Spitzenkämpfen absieht). Sie ist unmöglich zu übersehen!

Wenn alle Stricke reißen, helfen die Kampfrichter nach. Oder gerne auch schon der Ringrichter. Beispielsweise mit strategischen Unterbrechungen, die im Zweifelsfall dem “Auswärtskämpfer“ zum Nachteil gereichen. Sei es, indem ihm dominante Positionen genommen werden oder dem angknockten Lokalmatador ein kleines Päuschen zugestanden wird (siehe Deontay Wilder gegen Luis Ortiz zu Beginn der Achten). Das nennt sich im Boxen dann “Heimvorteil“. Dabei ist es mancherorts so miserabel, dass man davon ausgehen muss, dass der Heimkämpfer mit Sicherheit einen Kampfrichter Entscheid zugesprochen bekommt, solange der Kampf die Distanz geht und (wenn auch mit sehr viel Fantasie) als knapp hingestellt werden kann. Das ist im Boxen mittlerweile so normal, dass es jeder Fan erwartet. Spätestens dann, wenn es um Schotter geht und der heimische Goldesel gegen einen großen Unbekannten etwas doof dasteht. Das ist der einzige Grund, warum überhaupt von so etwas wie “Heimvorteil“ die Rede ist. Jeder weiß, was es eigentlich bedeutet.

Ergo: Es ist leicht, den Boxsport zu lieben. Aber das Geschäft dahinter ist wahrlich zum Kotzen!


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