Wladimir Klitschko - Die Ära in der Nachbetrachtung

Die Ära von Wladimir Klitschko

Bildquelle: A.Savin, Wikimedia Commons [CC BY-SA 0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Zu seiner aktiven Zeit war Wladimir Klitschko ein zweifelsohne dominanter Champion. Allerdings kein sehr Geliebter. Er hatte nicht den Bombast eines Muhammad Ali und nicht den Boxsack zerlegenden Kampfstil eines Mike Tyson. Nichtsdestotrotz wurde er einer der dominantesten Box-Champions, den das Schwergewicht je gesehen hat. Er war in mehr Titelkämpfen als irgendein anderer Schwergewichtler: 29 an der Zahl. 23-mal verteidigte er den Titel, was nur von Joe Louis (mit 25 Verteidigungen) je übertroffen wurde.

Trotz – und zum Teil auch wegen – dieser historischen Dominanz, gelang es Klitschko nur selten, außerhalb seiner Heimat ein breites Publikum für sich zu erwärmen. Zwar kannten die meisten seine technische Klasse an (insbesondere seinen rasiermesserscharfen Jab), doch galten seine Kämpfe als langweilig.

 

Ungeachtet dessen, dass Klitschko mit 53 Knockouts aus 64 Siegen durchaus Dampf auf dem Kessel hatte. Zu schwache Gegner, ein kalkuliert langweiliger Kampfstil, der alles strikt boxerisch hielt – dies waren die grundlegenden Vorwürfe.

Styles make fights

Im Englischen gibt es unter Boxfans, Promotern, Trainern und Co. ein geflügeltes Wort: „Styles make fights!“. Was übersetzt so viel heißt wie: „Kampfstile machen Kämpfe.“ Je nach Kontext kann diese Aussage etwas Anderes bedeuten. So kann sie die Siegeschancen eines gewissen Boxers, wenn er gegen einen anderen Boxer antritt, beschreiben. Wie passen diese beiden Stile mit ihren Stärken und Schwächen zusammen? Es kann sich aber auch darauf beziehen, ob ein Kampf voraussichtlich zuschauerfreundlich wird oder nicht.

Die meisten Boxfans (oder Kampfsport-Fans überhaupt) dürstet es nach wilden Ringschlachten. Am besten sollte es ein Geben und ein Nehmen sein. Ein dramatisches Hin und Her mit vielen klaren Treffern, ehe der Held kurz vor Schluss die Hände in die Luft recken darf. Gerade diese Wahrnehmung ist es, warum Muhammad Ali so große Verehrung erfuhr. Die Leute erinnern sich nicht wegen seiner dominanten Kämpfe an ihn, sondern wegen seiner schweren Kämpfe (von denen er einen verlor)! Seien es seine drei Fights gegen Frazier oder jener gegen Foreman, in dem Ali zunächst nur in der Defensive war (wenn auch gewollt). Diese Kämpfe sind es, über die bis heute am meisten gesprochen wird. Dies waren die Kämpfe, die Alis Karriere definierten. Große Gegner für einen großen Champion. Solche Kämpfe hatte Klitschko in der Phase seiner langjährigen Dominanz nicht.

Dominanz wird von den meisten Zuschauern nur dann akzeptiert, wenn sie sich schnell und abrupt äußert. Mike Tyson wurde in seiner dominanten Phase in den 80ern vor allem deswegen gut angenommen, weil er die Mehrzahl seiner Gegner binnen der ersten Runden ausknockte. Denn auch dann bekamen die Fans eine expressive Vorstellung von Gewalt. Da war und ist ein einseitiges Niedermachen fast so wirkungsvoll, wie ein epischer Schlagabtausch, der beiden Beteiligten an die Substanz geht.

Widersprüche zwischen Kommerz und Sport

Es ist ein Dilemma so alt wie das Boxen selbst: Was die meisten Fans erreicht und kommerziell am meisten zieht, steht oft diametral entgegen zu dem, was technisch empfehlenswert und sportsmännisch wünschenswert ist. Die meisten Fans wollen nicht den sportlichen Saubermann, sondern den scharfzüngigen Trashtalker. Ein Archetyp, den Muhammad Ali quasi begründet hat. Und ungeachtet dessen, dass im Kampf aus offensichtlichen Gründen das Axiom von “Treffen, ohne selber getroffen zu werden“ gilt, lieben die Fans am meisten die Kämpfe, in denen genau dies sträflich vernachlässigt wird. Nichts bringt eine Halle so zum Kochen, wie zwei Kämpfer, die sich gegenseitig die Visage auf links drehen.

Wer jedoch die Kunst des Treffens ohne getroffen zu werden perfektioniert, der wird vor allem eins sein: konservativ. So wie Wladimir Klitschko, der über Distanzmanagement und seine Führhand genau das tat. Mit Clinches verhinderte er zugleich ausgedehnte Gefechte im Nahbereich bzw. erstickte diese im Keim. Ein technischer Stil, der aus einer Notwendigkeit geboren wurde. Denn Klitschkos Kinn war nie das Beste. Die Effizienz dieses Stils war für mehr als ein Jahrzehnt offensichtlich. Doch Spannung kam dabei nicht auf.

Boxen hat gegenüber dem Kickboxen oder den MMA ein Problem, das in genau solchen Kämpfen offen zutage tritt. Die großen Kämpfe gehen alle sehr lang. Wenn sich schon früh ein einseitiges Punkturteil oder zumindest ein sehr einseitiger, technisch dominierter Kampfverlauf abzeichnet, dann stehen oftmals noch viele zähe Runden bevor, in denen sich an der Textur des Kampfes wenig, bis gar nichts ändert. Aus eben diesem Grund sind technische Boxer, die gerne über die Distanz und die Führhand kommen und sich in erster Linie schadlos halten wollen, meist nicht wohl gelitten. Vor allem wenn sich nicht das Schlappmaul eines Muhammad Ali oder das selbst inszenierte Image eines Floyd Mayweather Jr. haben. Nicht wenige große, immens erfolgreiche Boxer, wie Gene Tunney oder Larry Holmes, mussten dies ebenso wie Wladimir Klitschko feststellen.

Substitution für das schwache deutsche Boxen?

Hierzulande ist Boxen heute im Fernsehen so gut wie ausgestorben. Doch zu Klitschkos Zeiten zog es immer noch regelmäßig viele Fans vor den Fernseher. Das war zu Zeiten, als Boxen RTL und Co. noch nette Quoten bescherte. Doch auch hierzulande war das Verhältnis zu Klitschko ambivalent. Die meisten erkannten zwar seine Klasse als Boxer an. Doch im Laufe der Zeit drängte sich das Gefühl in den Vordergrund, dass seine Kämpfe einfach nur langweilig und mechanisch waren. Immer mehr hofften darauf, dass er endlich verlieren möge. Beides Emotionen, die sich gleichermaßen kommerziell vermarkten lassen. Warum die Leute einschalten, ist egal – solange sie es tun. Floyd Mayweather Jr. hat sich daraus quasi eine Karriere gebastelt!

Doch wenigstens wurde er als Sportler vom Publikum gut angenommen. Der Typ des Trashtalkers ist hier nicht so wohlgelitten wie andernorts. Immerhin war ja auch ein Henry Maske als „Gentleman“ gefeiert. Wir Deutschen mögen unsere Boxer ernsthaft. So sehr auch manche von uns auf den Langweiler-Klitschko geschimpft haben: Dass sein Karriereende und ein deutlicher, kommerzieller Niedergang des deutschen Boxsports (zeitlich betrachtet) quasi Hand in Hand gingen, ist kaum zu übersehen. Denn der Name Klitschko hatte auf uns hier eine Strahlkraft, von der die Abrahams, Feigenbutze und Zeugen dieser Welt nur träumen können.

Das Ende einer Ära

Klitschko bekam am Ende doch noch seine beiden definierenden Kämpfe: seine Niederlagen gegen Fury und Joshua. Diese beförderten den Boxsport, der im Vereinigten Königreich mittlerweile vollends in eine Art goldenes Zeitalter eingetreten ist, auf die nächste Stufe. Ohne diese Siege wären Fury und Joshua längst nicht so groß wie jetzt. Klitschko zu besiegen, war die größte denkbare Trophäe im Schwergewicht überhaupt. Auch wenn wir dabei letztlich von einem 40 Jahre alten Klitschko sprechen müssen.

Doch scheint es fast so, als ob der Hype, den Fury und Joshua durch ihre jeweiligen Siege über den Ex-Weltmeister erstritten haben, seine Karriere im Nachhinein aufgewertet haben. Viel Feind, viel Ehr‘. „Der Klitschko war schon ein Guter!“ Sein Abtritt hat die Bühne bereitet für eine neue Generation von Schwergewichten, die kommerziell momentan weit höher gehandelt wird, als es ihre eigentlichen Fähigkeiten rechtfertigen. Business as usual. Am Ende entscheidet die Kasse darüber, wer zur Legende wird und wer ein Geheimtipp bleibt. In Deutschland, wo Klitschko quasi als Import-Weltmeister den gesamten Sport trug, hat sich durch seinen Abgang leider eine gegenteilige Entwicklung vollzogen. Ohne anerkannten Fackelträger ist der Boxsport hierzulande für ein breiteres Publikum uninteressant und marginalisiert worden. Während sie in England Fußballstadien füllen und sogar in den USA dem Schwergewicht neues Leben einhauchen konnten.


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