Sky High - Team Sky und das das Märchen vom sauberen Radsport

Doping im Radsport

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Als Team Sky ein Profi-Team für Straßenrennen etablierte, da war noch die Rede von einer Nulltoleranz gegenüber Dopingsündern. Dann schickte sich das Team an, den Radsport zu dominieren. Seit 2012 wurde bis auf eine Ausnahme jede Tour de France von einem Sky Fahrer gewonnen. War der Radsport über Nacht plötzlich so sauber geworden, dass ein Team mit “Nulltoleranz“ gegenüber Dopern vorneweg fahren konnte? Wer`s glaubt!

Bradley Wiggins war 2012 der erste Toursieger für Team Sky. Seither hat vor allem Chris Froome das Zepter übernommen und vier Tour Siege eingefahren. Ebenso gewann er im letzten Jahr die Vuelta und dieses Jahr das Giro d‘Italia. Und auch die diesjährige Tour de France wurde mit Geraint Thomas von einem Sky Fahrer gewonnen.

Causa Froome und Causa Wiggins

Doch seit die russische Hacker-Gruppe “Fancy Bears“ Daten der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur) entwendet und publik gemacht hat, stellt sich der Erfolg von Team Sky in einem sehr dubiosen Licht dar. Eingedenk der großen Dominanz von Team Sky kamen schon länger Zweifel auf, ob das mit rechten Dingen zugehen konnte. Es war genau wie damals bei Team US Postal, das ebenfalls alles in Grund und Boden fuhr. Die offengelegten Dokumente haben vor allem eines gezeigt, zumindest bei den Top-Fahrern von Team Sky sind TUE (Therapeutic Use exemptions) der Statuts Quo.

Dabei handelt es sich um Ausnahmeregelungen, die chronisch kranken Athleten die Einnahme von Substanzen gestattet, die eigentlich auf der Dopingliste stehen – sofern gewisse Konzentrationen nicht überschritten werden. Doch genau das ist bei der Vuelta 2017 passiert. Nach der 18. Etappe wurde beim gegenwärtigen Radsport Klassenprimus – Chris Froome – die doppelte Menge an Salbutamol im Urin festgestellt. Ein Asthmamittel, für das er eine TUE hatte. Doch eine doppelt so hohe Konzentration NACH einem Rennen lässt doch aufhorchen. Vor allem wenn man weiß, warum dieses Asthmamittel auf der Verbotsliste steht. Es weitet die Atemwege und erhöht somit die Sauerstoffaufnahme.

Es scheint so, als sei es für Radfahrer überaus lohnenswert, ein Asthmatiker zu sein. Und unter Kraftsportlern schient sich derweil Diabetes als eine Art Berufskrankheit breitzumachen. Denn Insulin wirkt anabol auf den Stoffwechsel. Das wissen Bodybuilder schon lange (die brauchen nämlich keine Genehmigung).

TUE – Hintertürchen mit ausgerolltem roten Teppich

Dass es derartige Ausnahmeregelungen überhaupt gibt, ist offensichtlich bedenklich. Dadurch wird ein Anreiz in die Welt gesetzt, entsprechende Krankheitsbilder vorzutäuschen, um so in den Genuss des lizenzierten Dopings zu kommen. Denn nichts Anderes sind diese Ausnahmeregelungen. Besonders peinlich wird dieser Missstand, wenn man sich anschaut, wie so eine Genehmigung abläuft. Denn der Antrag bedarf natürlich der Unterschrift eines Arztes. Welcher Arzt? Der des Vertrauens selbstverständlich! Und wenn es der eigene Teamarzt ist. Das in einem Sport, in dem strukturelles Doping bereits mehrfach aufgedeckt wurde.

Wie kann eine so sensible Regel so offensichtlich hirnverbrannt gehandhabt werden? Schon ein Mindestmaß an Menschenverstand muss einem doch klarmachen, dass somit ein massiver Anreiz geschaffen wird, auf Rezept zu dopen – und dieses Rezept wird dann noch faktisch vom eigenen Doktor ausgestellt! Nur ist dieser Missstand ganz sicher kein Betriebsunfall. Er wirft viel mehr ein Schlaglicht darauf, wofür die WADA wirklich da ist. Für Schadensbegrenzung und eine weiße Weste.

Anti Doping ist vor allem eins – PR-Management

Lance Armstrong war gedopt

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Von Aktiven und Veranstaltern sowie Team Managern wird im Radsport allenthalben das Image des restaurierten Radsports besungen. Nachdem man, gnadenlos vorangepeitscht durch öffentlichen Druck, Lance Armstrong publikumswirksam geköpft hatte, schien wieder alles in Butter zu sein. Das ist ein Märchen, das nun wirklich kein Kind glauben kann! Die UCI (der Weltverband des Radsports) hielt so lange die schützende Hand über Lance Armstrong, wie es nur ging. Erst investigativer Journalismus und behördliche Untersuchungen in den USA brachten ihn zu Fall. Die UCI reagierte schließlich nur noch.

Bei Wiggins und Froome stellt sich dies nun ganz ähnlich dar. Denn erst die Aktionen durch eine russische Hackergruppe brachten den vollen Umfang an Ausnahmeregelungen für diese beiden Herren ans Licht. Bradley Wiggins bekam bspw. drei Injektionen des Kortikoids Triamcinolon. Jedes Mal vor großen Rundfahrten. Auch 2012, als er die Tour de France gewann. Schon absurd: Wir haben nun eine Situation, in der (auf dem Papier) chronisch Kranke einen intrinsischen Vorteil genießen. Einen Vorteil, der ihnen allzu bereitwillig eingeräumt wird.

Die WADA hat als Anti-Doping-Agentur eigentlich keinerlei Integrität. In Ihren Statuten finden sich mindestens zwei übergroße Schlupflöcher, die jeder Narr für sich nutzen kann, so er sich dazu entscheidet. Eines davon sind die TUE Ausnahmeregelungen. Das andere Schlupfloch dreht sich um die Inkonsequenz der zufälligen Tests außerhalb der Wettbewerbe. Wenn da mal nämlich ein Athlet nicht da ist, wo er sich laut seinen eigenen Angaben eigentlich aufhalten müsste, dann hat das keine wirklich weittragenden Konsequenzen für ihn. Er bekommt lediglich eine inoffizielle Verwarnung und muss innerhalb von 30 Tagen den angedachten Test nachholen. Aus einem zufälligen Doping Test wird somit ein Test, von dem der Athlet schon einen Monat im Voraus weiß. Dazu kommt, dass diese inoffiziellen Verwarnungen nicht publik werden. Konsequenzen haben sie erst daran, wenn ein Athlet dreimal innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten nicht aufzufinden ist. Erst dann wird es wie ein positiver Befund geahndet! Vor allem aber verfallen diese Verwarnungen nach jeweils 12 Monaten wieder. Wie leicht sich dieses System ausnutzen lässt, liegt selbst für Laien auf der Hand!

Weiße Westen für schmutzige Sportler

Unterm Strich heißt das: Athleten können nicht nur eine für sie vorteilhafte chronische Erkrankung durch den eigenen Teamarzt absegnen lassen. Sie können es auch mal darauf ankommen lassen und für ein paar Wochen verschwinden, ohne den zahnlosen Wachhund namens WADA über ihren Standort zu informieren. Wenn keiner kommt, um sie zu testen: Glück gehabt! Und wenn jemand kommt, dann ist das aus den oben genannten Gründen auch nicht weiter wild. Zwei, drei Zyklen an Steroiden und Co kann man in der Zeit locker unterbringen, sodass man zum Nachholtest dann wieder so clean ist, wie das angebliche Saubermann-Image des Profisports.

Die WADA ist eine Organisation, die diese Schlupflöcher sehenden Auges bereitstellt. Und wieso? Weil sie im Wesentlichen von den Sportverbänden finanziert wurde und wird. Und die haben nun wirklich kein großes Interesse daran, ihre eigenen Leistungsträger und Champions abzusägen. Es sei denn, diese stellen sich einfach zu dämlich an oder haben Pech. So wie Team Sky.

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