Vom Catch-Wrestling zur MMA - Wie sich der MMA-Sport entwickelt hat

Vom Catch-Wrestling zur MMA

Bildquelle: Zakarie Faibis [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Laut moderner Zeitrechnung haben die MMA (Mixed Martial Arts) mit UFC 1 begonnen. Auch wenn damals noch niemand den Terminus “MMA“ benutzte. Hinsichtlich der Entwicklung des modernen MMA-Sports ist diese Einschätzung, was die kommerzielle Dimension in den USA und ferner in Europa anbelangt, keineswegs falsch. Doch die sportlichen Wurzeln der MMA-Idee reichen weit tiefer. Interdisziplinäre Aufeinandertreffen erfuhren gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Dabei spielte vor allem Catch-Wrestling eine prominente und dominante Rolle.

MMA setzen sich stilistisch in erster Linie aus Ringen, BJJ (brasilianisches Jiu-Jitsu) und Muay Thai bzw. Kickboxen zusammen. Insbesondere das Ringen ist die übergeordnete Disziplin, die alle diese Ebenen in den MMA zusammenhält, weswegen ein Hintergrund im Ringen auch heute noch meist als besonders vorteilhaft gilt. Catch-Wrestling spielte dabei als Disziplin in mehr als einer Hinsicht eine ganz entscheidende Rolle, die gemischten Kampfkünste, wie wir sie heute kennen, zu formen.

Catch-Wrestling hat etliche Kampfkünste beeinflusst

Denkt man heute an einen “westlichen“ Kampfsport, so wird den Meisten wohl zunächst das Boxen in den Sinn kommen. Dabei reichen die Wurzeln des Catch-Wrestlings tiefer und haben Blüten getrieben, die heute schon wieder fast vergessen sind. Der Begriff “Catch-Wrestling“ (oder auch “Catch-as-Catch-Can“) spielt auf das Ziel an, den Gegner in einem Aufgabegriff zu “fangen“. Die Anfänge dieser ringerisch vielseitigen Disziplin lagen in England. Genauer gesagt in dessen Militärrängen zu Zeiten des englischen Imperiums (1490 bis 1900). Englische Seesoldaten und Seeleute fuhren in alle Welt hinaus und kamen mit ringerischen Disziplinen von nah und fern in Berührung.

Die so gesammelten Erfahrungen und Lektionen trugen sie zu einer wachsenden Disziplin zusammen, deren Sitz in Lancashire, England zu verorten war. Dort entstanden historisch bedingt mehrere Wrestling-Clubs, die sich den Sport auf die Fahnen schrieben. Hieraus sollte in Wigan, Greater Manchester die berühmt berüchtigte Snake Pit hervorgehen (die “Schlangengrube“). Jene Catch-Wrestling-Schule des legendären Trainers Billy Riley, die einige der berühmtesten Catch-Wrestler des 20. Jahrhunderts hervorbrachte (unter anderem Karl Gotch und Billy Robinson).

Catch-Wrestling fand auch seinen Weg in die neue Welt, wo es wiederum das amerikanische Folkstyle Wrestling stark prägte. Auch Freistil-Ringen und Olympisch-Römisches Ringen, wie es heute in den USA als wichtiger Highschool- und College-Sport betrieben wird, wurde vom Catch-Wrestling beeinflusst. Es ist als keineswegs unangemessen zu behaupten, dass Catch-Wrestling vieler Arten des Ringens zu unterschiedlichen Anteilen geprägt und bisweilen überhaupt erst begründet hat. Insbesondere das Pro Wrestling, welches man heutzutage nur noch als Show-Spektakel kennt, geht direkt auf das Catch-Wrestling zurück. Daher wurde Pro Wrestling in unseren Breiten mitunter noch lange als “Catchen“ bezeichnet, auch wenn dieser Begriff mittlerweile kaum noch gebräuchlich ist.

Was Catch-Wrestling als Disziplin ausmacht

Anders als bei den meisten anderen Arten des Ringens gibt es beim originalen Catch-Wrestling keinerlei Punkte für eine dominante Position, da es auch keine Punktrichter gibt. In einem Catch-Wrestling-Match gibt es nur zwei Arten, zu gewinnen. Und zwar eben jene, wie sie heute auch im Pro Wrestling nach wie vor gebräuchlich sind. Entweder müssen beide Schultern des Gegners zeitgleich zu Boden gebracht werden (der sogenannte Pin) oder aber es muss eine Aufgabe durch einen Haltegriff erzwungen werden. Diese Aufgabe kann durch Handsignal (abklopfen) oder aber verbal erfolgen. Beim Schultern ist es, anders als beim inszenierten Pro Wrestling, jedoch nicht so, dass dies für drei Sekunden erfolgen muss. Stattdessen wird jenem Ringer, der sein Gegenüber mit beiden Schultern zu Boden ringen konnte, sofort der Sieg bzw. ein Punkt zugesprochen (ein “Fall“), wenn das Match über mehrere Punkte angesetzt sein sollte (bspw. ein Best of 3 Falls oder Best of 5 Falls Match). Welche Aufgabegriffe erlaubt waren bzw. sind, hängt von der Regelauslegung ab. Waren früher einmal sämtliche Griffe und Würfe erlaubt, so sprach man dabei stets von einem “No Holds Barred Match“. Ein Begriff, der sich ebenfalls im Pro Wrestling bewahrt hat.

Ab dem späten 19. Jahrhundert traten viel Catch-Wrestler als Preiskämpfer auf Karnevalsmärkten und dergleichen auf. Gegen Gebühr nahmen sie die Herausforderungen von wagemutigen Besuchern an, denen im Gegenzug ein Geldpreis in Aussicht gestellt wurde, wenn sie siegreich sein sollten. Im Prinzip genauso wie beim Rummel-Boxen, wie es auch heute noch an wenigen Orten gepflegt wird. Aus eben diesem Grund entwickelte sich im Catch-Wrestling ein starker Fokus auf das aggressive Jagen von Aufgabegriffen. Dies hatte den Hintergrund, dass die Catch-Wrestler, die sich ihren Lebensunterhalt auf dem Rummel verdienten, möglichst eindeutig und vorzugsweise schnell gewinnen wollten. Ein Sieg durch Aufgabe war immer eindeutig und würde nicht für einen Disput sorgen. Schnelle Siege stellten indes die Möglichkeit, mehr Kämpfe zu bestreiten und mehr Geld zu verdienen, in Aussicht.

Catch-Wrestling begünstigte und dominierte interdisziplinäre Aufeinandertreffen

So entwickelte sich das Catch-Wrestling recht organisch zu einem beliebten Zuschauersport, wodurch es sich als Preiskampf weiterentwickelte, weg von einer reinen Rummel-Attraktion. Doch wie schon auf dem Rummel wurden unterschiedlichste Herausforderer akzeptiert. Und so kam es zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert zu einer ganzen Bandbreite interdisziplinärer Ansetzungen. Ringer gegen Boxer, Judoka gegen Ringer usw. Diese Aufeinandertreffen erregten zum Teil großes öffentliches Interesse. Das, was die UFC später ab 1993 wieder popularisierte (unterschiedliche Kampfkünste gegeneinanderzustellen), fand bereits in einem Zeitraum von 80 bis 120 Jahren vorher statt! Dabei machten insbesondere die Catch-Wrestler eine gute Figur, was wiederum andere Disziplinen zur Anpassung zwang und insofern beeinflusste. So schaute man sich auch im Judo das Eine oder Andere ab. Mitsuyo Maeda, der das Judo und vor allem das Jiu-Jitsu nach Brasilien brachte und somit das BJJ überhaupt erst ermöglichte, war ebenfalls vom Catch-Wrestling beeinflusst. Catch-Wrestling selbst fand überdies als “Luta Livre“ (Freistil Kampf) seinen Weg nach Brasilien. Eine Bezeichnung, die den interdisziplinären Anspruch ebenfalls erkennen lässt.

So hat Catch-Wrestling den MMA vorweg gegriffen und diese gleichsam geprägt. Denn sind nicht viele der Top MMA-Kämpfer Ringer amerikanischen Vorbilds gewesen oder hatten einen BJJ-Hintergrund? Sogar MMA-Fighter, die selber einen unmittelbaren Catch-Wrestling Hintergrund hatten (Josh Barnett, Kazushi Sakuraba, die Shamrock Brüder) oder aber vom Luta Livre kamen (Marco Ruas), waren in den MMA erfolgreich. Und dass das Catch-Wrestling auf kommerzieller Ebene gerade in Japan einen immensen Einfluss auf den späteren Erfolg von MMA und Shootfighting (ein enger Verwandter der MMA) haben sollte, steht außer Frage.


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