German Suplex zu Ehren von Karl Gotch benannt - Ein Gott, den kaum einer kennt

Karl Gotch - Legende des Wrestlings

Bildquelle: By jenn (originally posted to Flickr as WWE Announcers) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Karl Gotch – bürgerlicher Name: Karl Istaz – war ein 1924 in Belgien (Antwerpen) geborener Ringer, der jedoch ab dem zarten Alter von vier Jahren in Hamburg und somit als Deutscher aufwuchs. Darüber, wie genau der Krieg seine Kindheit und Jugend geprägt hat, ist wenig bekannt. Widersprüchliche Szenarien, die zwischen Flucht und KZ-Aufenthalt rangieren, ranken sich um diese Zeit. Wissen wird man es wohl nie, da der 2007 verstorbene Istaz es zeitlebens vorzog, nicht darüber zu sprechen.

Istaz hatte es sich nach den Wirren des Krieges zum Ziel gesetzt, Berufsringer zu werden. Und tatsächlich war er ein Mann von großer Begabung, brachte er es doch (als Vertreter Belgiens) bis zur Olympiateilnahme im griechisch-römischen Stil (das klassische olympische Ringen). Doch konnte er als Amateur nicht vom Ringer-Dasein leben und trainierte fortan unter den deutschen Ringern, die als stärker galten.

Bei einem Sparringskampf gegen einen Engländer unterlag Istaz diesem deutlich. Daraufhin ging Istaz eben dort hin, wo dieser Engländer trainiert wurde. Nach Wigan in England – der damaligen Hochburg des Catch-Wrestlings, einem sehr auf Aufgabegriffen fokussierten Ringkampfstil, aus dem auch das showlastige Professional-Wrestling hervorgegangen war. Hier lernte Karl Gotch den Bodenkampf und wurde zu einem extrem ehrgeizigen, hervorragenden Ringer, der aufgrund seines rigorosen Trainings auch von enormer Körperkraft war.

Seine Leidenschaft für alle Spielarten des Ringens und den Willen, diese zu ergründen und sich vielversprechende Ansätze anzueignen, behielt Istaz zeitlebens bei. So interessierte er sich auch später sehr für Judo, Sumo und Pehlwani (indisches Ringen). Letzteres beeinflusste vor allem das körperlich-konditionelle Training von Istaz.

Der Traum vom Berufsringer führte zunächst auf Abwegen

Istaz wurde schließlich Berufsringer und verdiente seine Brötchen in Europa, Kanada und zunehmend in den USA. Dort stand Istaz, der im Laufe dieser Zeit den Namen Karl Gotch annahm (als Hommage an die Wrestling-Legende Frank Gotch), mit je einem Bein in beiden Welten. Denn einerseits war Karl Gotch ein sehr fähiger Ringer, der eine echte Auseinandersetzung mit keinem seiner Kollegen scheuen musste. Andererseits war das professionelle Ringen in den USA zu jener Zeit bereits ein reines Showgeschäft. Der ringerisch sehr technische Gotch, dem auch der persönliche Bombast abging, wurde vom Publikum also nur sehr reserviert angenommen. Gleichwohl er einer der fähigsten Ringer der ganzen Szene war. Einer Szene, in der sich durchaus noch viele “echte“ Ringer herumtummelten. Schließlich lagen die Zeiten, als Wrestling noch ein tatsächlicher Wettstreit war, noch nicht so lange zurück.

Karl Gotch zog schließlich den Unmut der meisten amerikanischen Promoter auf sich, als er in eine Auseinandersetzung mit dem originalen “Nature Boy“ Buddy Rogers geriet. Rogers, der selber kein echter Ringer war, soll damals besorgt gewesen sein, dass Gotch ihm den Titel entreißen könnte, indem er ihn tatsächlich in einem Match besiegte. So wetterte Rogers wohl in der Kabine, dass er niemals gegen Gotch antreten würde, da dieser kein Star sei und das Publikum sich nicht um ihn scheren würde. Daraufhin zog (der ohnehin nicht sonderlich beliebte) Rogers sich den Zorn von Gotch und mindestens einem Kollegen zu, die ihn gebührend vermöbelten. Damit hatte Gotch zwar seinen Punkt dargelegt, doch bei den meisten US-Promotern brauchte er sich fortan nicht mehr blicken zu lassen.

Aufstieg zum “Gott des Pro Wrestling“ in Japan

Jedoch sollte sich diese Entwicklung als verkappter Segen für Gotch erweisen. Denn sie führte ihn direkt nach Japan. In Japan hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits ein blühendes Pro Wrestling Geschäft entwickelt. Die in ihrer nationalen Identität immer noch sehr angeschlagenen Japaner sehnten sich nach nationalen Ikonen, zu denen sie ohne schlechtes Gewissen aufblicken konnten. Und das japanische Wrestling lieferte sie ihnen. Es war zunächst Rikidozan (der erste echte Wrestling Star Japans), der gegen böse Ausländer “kämpfte“ und sie, sehr zum Jubel der japanischen Massen, niedermachte. Der japanische Wrestling Stil war sehr viel bodenständiger und weniger auf dramatische bis affige Showeinlagen gebaut. Überdies wurden die Matches, gleichwohl choreografiert, enger und physischer abgewickelt. Realismus spielte also eine gewisse Rolle.

Die Japaner begeisterten sich schnell für den technisch versierten Ringer aus Europa. Er strahlte Härte und Technik aus. Im ersten Main Event von New Japan Wrestling (der auch heute bedeutendsten Wrestling Promotion Japans) bezwang Karl Gotch Antonio Inoki – seines Zeichens japanische Wrestling-Ikone und Gründer von New Japan. In den folgenden Jahren wurde Gotch zum Star, der (obwohl eigentlich zunächst als “Bösewicht“ gebucht) in etlichen Ringschlachten das japanische Publikum für sich begeistern konnte. Unvergessen ist dort insbesondere, wie er den gewaltigen “Andre the Giant“ (seinerseits selber eine Wrestling-Legende) mit einem gebrückten German Suplex auf die Matte donnerte. Ein Zeugnis von Gotchs gewaltiger Körperkraft! Der “German Suplex“ wurde übrigens Gotch zu Ehren so genannt! Auch gegen Rikidozan trat Gotch mehrfach an. Die Japaner nannten Gotch schließlich den “Gott des Pro Wrestling“!

Karl Gotch als prägende Figur

Bis 1982 blieb Gotch ein aktiver Wrestler. Doch sollte er das japanische Wrestling und später MMA nicht nur als Aktiver, sondern auch als Trainer beeinflussen. Durch Gotchs “harte Schule“ in Wigan sowie seinen Hintergrund als Amateur-Ringer (bis hin zu Olympia) war er eine Institution auf seinem Gebiet, von der sich viele japanische Kollegen wissbegierig belehren ließen. Es war insofern nur logisch für Gotch, dass er nach und nach zu einem einflussreichen Trainer reifte.

Er trainierte unter anderem Antonio Inoki, Yoshiaki Fujiwara, Satoru Sayama, Tatsumi Fujinami, Osamu Kido, Masami Soranaka, Akira Maeda, Nobuhiko Takada, Hidetaka Aso, Caesar Takeshi, Masakatsu Funaki und Minoru Suzuki. Also quasi ein Who-is-Who der japanischen Wrestler, die zu den Stars des großen japanischen Wreslingbooms in den 80ern und 90ern gehörten. Daher auch die Wahrnehmung durch japanische Wrestling Fans als “Gott“. Denn er war zweifelsohne eine enorm prägende Figur! Nicht nur für das auf Realismus bauende und sehr physische japanische “Strong Style“ Wrestling. Denn etliche von Gotchs Schülern entwickelten ihrerseits den Wrestlingsport in eine Richtung weiter, bei der die Showelemente nach und nach entwichen.

Karl Gotch war in Japan eine Legende

So ist Satoru Sayama, Schüler Gotchs und der originale “Tiger Mask“, der Gründer von Shooto – einem direkten Vorläufer des MMA, quasi eine in Japan promotete Vale Tudo Veranstaltung. Und Minoru Suzuki, Akira Maeda, Nobuhiko Takada, Yoshiaki Fujiwara und Masakatsu Funaki wurden ihrerseits zu den Stars eines neuen Wrestling Stils, der zwar immer noch choreografiert war, aber nahezu gänzlich, wie ein echter Wettstreit präsentiert wurde und einen entsprechenden Stil im Ring abverlangte. Das Wrestling war also extrem technisch und nur noch in einigen Teilen unrealistisch. Promotions wie UWF, RINGS oder Battlarts gingen daraus hervor. Woraus wiederum der Kampfsport Hype ab Mitte der 90er gespeist wurde, der Pancrase, Pride und K-1 hervorbrachte. Pancrase entstand, als Minoro Suzuki, Masakatsu Funaki und ein gewisser Ken Shamrock die UWF verließen, um echtes Wrestling zu präsentieren.

Ein echter Wettstreit, mit ähnlichen Regeln, wie man sie vom Pro Wrestling kannte. Pancrase war geboren (der Name “Pancrase“ ging übrigens auf eine Anregung von Gotch selbst zurück). Und somit ein direkter Vorläufer von MMA! Rings entwickelte sich als Reaktion darauf in dieselbe Richtung und wurde (wie schließlich auch Pancrase) später eine ausgewachsene MMA-Promotion. Akira Maeda, der Star von RINGS, wirkte überdies im Hintergrund an der Verwirklichung des ersten K-1 Events mit. Und ohne Nobuhiko Takada als kommerzielles Zugpferd hätte Pride niemals den Blitzstart hinlegen können, der es zur phasenweise größten MMA-Organisation der Welt machte, ehe die Promotion vom Yakuza Skandal erschüttert wurde. Bei all dem hatte ein in Deutschland aufgewachsener Ringer, den hier kaum einer kennt, den sie ihn Japan jedoch “Gott“ nennen, seine Finger an den historischen Stellschrauben!


Olympiade, WWE