Rule Britania - Die britische Dominanz im Radsport

Britische Dominanz im Radsport

Bildquelle: Jérémy-Günther-Heinz Jähnick / Arras - Tour de France, étape 6, 10 juillet 2014, départ (62) / Wikimedia Commons [CC BY-SA 0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Gegenwärtig erleben wir ein besonders sportbegeistertes Großbritannien (will heißen: mehr als sonst). Boxen boomt und Großbritannien scheint sogar zum Schoß einer wiedererstarkenden Schwergewichtsdivision zu werden. Die Premier League ist ohnehin eine der führenden Ligen im Fußball. Und nun ist auch der Radsport fest in britischer Hand.

Dieses Jahr wurde jede Grand Tour (Giro d‘Italia, Tour de France und die Vuelta 2018) von einem Briten gewonnen. Ein historischer Meilenstein, denn noch nie gelang es irgendeiner Nation, mit drei verschiedenen Fahrern im selben Jahr jede Grand Tour einzufahren! 2012 war Bradley Wiggins demgegenüber noch der erste Brite gewesen, der überhaupt jemals eine Tour de France gewinnen konnte. Was ist also zwischen 1998, als Großbritannien noch auf Rang 13 unter den radfahrenden Nationen lag, und heute passiert?

Ein selbst auferlegtes Konjunkturprogramm

Der Erfolg des britischen Radsports, der sich mitnichten nur auf die Straßenrennen beschränkt, hat mehrere Väter. Da wäre zunächst die englische Lotterie zu nennen, die sich seit 1997 dem britischen Radsportverband “British Cycling“ als Sponsor in wachsendem Ausmaße zugewendet hat und seither große Mengen an Geld in den britischen Radsport geschüttet hat. Das blieb jedoch freilich nur so, weil sich alsbald wichtige Erfolge einstellten. Diesbezüglichen können insbesondere Peter Keen und Dave Brailsford als zentrale Figuren angesehen werden. Keen (der früher selber Fahrer und dann Trainer war) trat auf verschiedenen Posten als Sportdirektor an. Ebenso David Brailsford (ebenfalls ein ehemaliger Fahrer), der heute vor allem als Team Manager von Sky bekannt ist. Unter den wachsamen Augen dieser beiden gelang ein kundig geleitetes und ambitioniertes Konjunkturprogramm.

Dies resultierte in mehreren segensreichen Entwicklungen für den britischen Radsport. So wurden die nun reichlich vorhanden Mittel genutzt, um frühzeitig an Schulen und Co. nach jungen Talenten zu suchen. Und mit dem Velodrom wurde in Manchester ein bestens ausgerüstetes Performance Center gebaut.

Alles fing mit Olympia 2012 an

Bradley Wiggins

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Ein so großzügiger Sponsor wollte natürlich alsbald mit Erfolgen zufriedengestellt werden. Dies war auch den Köpfen bei British Cycling bewusst und so verlegte man sich zunächst darauf, die eigenen Bemühungen auf das Bahnfahren zu konzentrieren. Beim Bahnfahren sind die Bedingungen bekanntermaßen weitgehend kontrollierbar. Wetter, Wind und Überraschungen im Kursverlauf sind hier ausgeschlossen. Und so begnügte sich British Cycling nicht nur damit, neue Talente vom Start weg zu fördern, sondern auch die Räder, auf welche diese Talente gesetzt wurden, nach allen Regeln der Kunst zu optimieren. Auf der Bahn bot sich dies am meisten an. Man orientiere sich dabei an Chris Boardman, der 1992 olympisches Gold in der 4000-Meter-Einerverfolgung erringen konnte und seinerzeit auf einem neuen Rad mit revolutionären Neuerungen saß. Es folgte eine kontinuierliche Verbesserung des Equipments. Insbesondere mit Blick auf aerodynamische Qualitäten. Dazu wurde gar mit Ingenieuren und Forschern bei McLaren und der NASA zusammengearbeitet! Alles, was sich am Rad sowie an der Ausrüstung optimieren ließ, wurde auf den Prüfstand gestellt. So saß Bradley Wiggins bei der Tour de France 2012 letztlich auf einem rund 10.000 Pfund teuren Rad!

Die subventionierte Kombination aus Scouting, hoch-professionalisierten Strukturen und Optimierungswahn ließ nicht lange auf große Erfolge warten. Bei der Olympiade 2012 schlug die große Stunde des britischen Radsports! 7 von 29 gewonnen Medaillen wurden in Disziplinen des Radsports erstritten. Sowohl bei den Herren als auch bei den Damen von der Insel. Jahre lange Entwicklung und Vorbereitung trugen ihre Früchte.

Geld geht dahin, wo Geld zu machen ist

Natürlich kann man den Erfolg des britischen Radsports nicht gebührend thematisieren, ohne auf Team Sky zu sprechen zu kommen. Wie bei uns dereinst Team Telekom und später das US-Postal Team um Lance Armstrong ist Team Sky der Motor der gestiegenen Radsport-Popularität im eigenen Land. Aneinandergereihte Erfolge machten es möglich. Und wie auch schon im Fall der britischen Lotterie, ist es auch in diesem Fall das liebe Geld, das hier Tatsachen geschaffen hat, denn Team Sky ist eines der mit Abstand am umfangreichsten finanzierten Teams im Profiradsport. Selbst etablierte Teams wie Movistar oder Quickstep haben nicht halb so viele Schotter zur Verfügung. Und des Weiteren stützt sich die Arbeit von Team Sky natürlich auf die zur äußersten Exzellenz geförderte Aufbauarbeit, die von British Cycling insgesamt ausging. Das sieht man ja auch an Simon Yates, der als Brite dieses Jahr zwar die Vuelta gewann aber selber überhaupt kein Sky Fahrer ist.

Die britische Dominanz ist auch keineswegs nur auf Straßenrennen beschränkt. In anderen Spielarten des Radsports, wie zum Beispiel dem Bahnfahren und Downhill, erscheinen immer mehr Briten auf den Podiumsplätzen. Auch hier zeigt sich, wie wirkungsvoll ambitionierte Aufbauarbeit sein kann, wenn dadurch jungen Menschen der Traum vom Profidasein bestmöglich erfüllt werden kann und sie von klugen Köpfen geleitet werden – die über die entsprechend tiefen Taschen verfügen. Wer also die gegenwärtige britische Dominanz auf den Dopingverdacht rund um Team Sky reduzieren will, sieht nicht das ganze Bild. Die gegenwärtigen britischen Erfolge im Radsport kamen von weit längerer Hand. Denn wenn es einen Sport gibt, in dem Doping alleine kein kompetitives Novum darstellt (weil es zu weit verbreitet ist), dann ist das der Radsport. Doch ein Dopingmittel hilft bekanntermaßen übergreifend. In jedem Sport. Man nennt es: Geld.


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