Saul "Canelo" Alvarez besiegt Rocky Fielding im Kampf um WBA-Weltmeisterschaft

Saul

Bildquelle: bobistraveling [CC BY-SA 2.0], via Flickr.com (Bild bearbeitet)

Im sogenannten Mekka des Boxsports, New Yorks Madison Square Garden, fuhren Matchroom Boxing und Golden Boy eine dicke Co-Promotion auf. Headliner war der erste auf DAZN übertragene Kampf von Saul "Canelo" Alvarez. Seine Mission: der vierte Gürtel in der dritten Gewichtsklasse. Sein Gegner: Rocky Fielding, der eben diesen Titel selber nur als Außenseiter gegen einen nicht gerade starken Champion in Form von Tyron Zeuge gewonnen hatte. Aus Business Sicht ein Traum für alle Beteiligten ….. außer Rocky Fielding.

Wobei er hier andererseits seinen wohl größten Zahltag hatte, obwohl seine Karriere vor noch einem Jahr als auf dem absteigenden Ast galt. Seine Trauer sollte sich also in Grenzen halten. Die Matchcard war hochkarätig besetzt. Viele gute Namen. Allerdings war das Matchmaking extrem transparent. Es war eigentlich in jedem Kampf klar, wen das Haus hier gewinnen sehen wollte.

Und es bekam seine Resultate. Ausnahmslos. Und das in Kämpfen, die zumeist über die Distanz gingen. Echt heftig, wenn man für so was nachts wach bleibt!

Roach und Ulysse bekommen nahrhafte Aufbaugegner

Los ging es mit acht Runden im Super-Leichtgewicht. Maximilliano Becerra (16-2-2/USA) gegen Yves Ulysse Jr. (16-1/Kanada). Enge erste Runde. Becerra konnte schon früh seine Führhand etablieren und mit seinem Jab Druck machen. Ulysse Jr. allerdings mit den augenscheinlicheren Treffern, wenn er die Distanz überbrückte und mehrere Haken schmiss. Das sah nach mehr aus, war aber notwendigerweise nicht viel mehr. Allerdings punktete Ulysse Jr. mit einem Überfall am Ende der Runde, um noch für etwas Überzeugungsarbeit zu sorgen. In der Zweiten konnte sich Ulysse Jr. etwas mehr in den Vordergrund drängen, da Becerra außer seinem Jab nicht viel anzubieten hatte. Dieser verwaltete zwar gut die Reichweite, aber es folgte keine Schlaghand. In der Dritten war Ulysse Jr. dann klar im Fahrersitz. Die langen Hände von Becerra konterte er mit wilden Ausfällen, wo er wesentlich effektiver war und die klaren Wirkungstreffer verbuchen konnte.

Becerra weiterhin nur mit dem Jab. Zumal er seine Linke nach dem Jab immer wieder langsam und viel zu tief zurückzog, was Konter eröffnete. Die Vierte offenbarte weiterhin Ulysse Jr. als den aggressiveren und effektiveren Boxer, der klar die wuchtigeren Treffer landete. Die bislang deutlichste Runde für den Kanadier! Becerra fand scheinbar kein Mittel, um mit seinem Gegner im Nahbereich klarzukommen. In der Fünften schlug Becerra vermehrt ins Leere. In der Sechsten nahm Becerra dann einen Niederschlag hin. Nachdem er deutlich getroffen wurde, ging er freiwillig aufs Knie runter und nutzte den Count, gab dafür die Runde jedoch ab. Es war klar, dass er nun den KO brauchte. Doch auch in der Siebten setzte es dann einen Niederschlag, nachdem Becerra hart am Kiefer getroffen wurde. Dieser Treffer ließ ihn mit schmerzverzerrter Miene zurück. Er schleppte sich schließlich noch durch den Rest des Kampfes und griff in der letzten Runde mit offenem Visier an. Doch Ulysse Jr. im Konter zu gefährlich und nun auch mit großem Selbstbewusstsein. Er gewann hier klar und eindrucksvoll.

Weiter ging es im Super-Federgewicht mit Puerto Ricos Alberto Mercado (15-1-1) gegen den Amerikaner Lamont Roach (17-0-1). Auf dem Spiel stand dessen WBO Internationale Super Featherweight Title. Ähnliche Konstellation wie im Kampf zuvor. Roach der agilere und talentiertere Boxer. Doch Mercado mit dem physischen Reichweitenvorteil. Allerdings bewegte sich Roach wesentlich besser, blieb undurchsichtig und bereitete seine Kombinationen mit Finten vor. Er war hier technisch klar überlegen und bearbeitete den Körper des größeren Gegners gut. Seinen Reichweitenvorteil konnte Mercado quasi zu keinem Zeitpunkt gewinnbringend einsetzen. Die ersten drei Runden gewann Roach dergestalt klar. In Runde vier und fünf wurde er dann etwas langsamer, auch wenn er diese Runden immer noch gewann. Allerdings fand Mercado dadurch wieder vermehrt in den Kampf zurück. Die Ecke von Roach rief ihn jedoch zunehmend zur Ordnung. Nicht etwa weil er hinten lag. Er gewann quasi jede Runde. Sie forderten zum Ende hin ganz klar den KO. Scheinbar sprach hier die Marketingabteilung aus der Ecke. Mercado war technisch zwar klar unterlegen. Insbesondere in puncto Bewegung. Aber er war auch verdammt zäh. Letztlich ging der Kampf daher die Distanz. Roach gewann hier eine zu erwartende einstimmige Punktentscheidung.

Katie Taylor und Ryan Garcia siegen denkbar klar

Anschließend kam es zu einem Kampf um die IBF- und WBA-Titel im Leichtgewicht der Frauen. Verteidigerin und Irlands Boxsensation Katie Taylor (11-0) gegen eine alte Rivalin aus Amateurtagen: Eva Wahlstrom (22-0-1 Finnland). Beide Damen können gewissermaßen als Pionierinnen in ihren Ländern gelten, da sie bereits kämpften, als dies offiziell noch gar nicht für Frauen zugelassen war. Als es dann endlich legale Veranstaltungen in ihren Ländern gab, räumten sie dementsprechend alles ab und wurden beide zu hoch dekorierten Amateurinnen. Als eben solche liefen sie sich bereits dreimal über den Weg, wobei Taylor jedes Mal das bessere Ende für sich behalten hatte. Nun zum ersten Mal im Profibereich. Dort Wahlstrom die erfahrenere (mit zweimal so vielen Profikämpfen) jedoch auch bereits 38 Jahre jung. Der Kampf ging über zehnmal zwei Minuten, da Frauen im Profibereich immer noch unsinnigerweise nur zwei Minuten Runden bestreiten. Hier dominierte Taylor jede Runde. Zwar wurde Wahlstrom im fortschreitenden Kampfverlauf aggressiver, jedoch wirkte sie gerade am Anfang viel zu gehemmt. Fatal, gegen eine Gegnerin wie Taylor, die meist schnell von 0 auf 100 geht. So auch hier. Phasenweise verlor Taylor sich wieder in wüsten Keilereien, wenn die Pferde mit ihr durchgingen. Gleichzeitig ist das aber auch natürlich der Stil, der sie so schlagkräftig und beliebt gemacht hat. Dem hatte Wahlstrom kein wirkungsvolles Mittel entgegenzusetzen. Und so musste sie auch im Profibereich das Haupt vor Taylor beugen.

Weiter ging es mit den Leichtgewichten der Herren: Braulio Rodriguez (19-3/Dominikanische Republik) gegen Ryan Garcia (16-0/USA). Garcia mit gerade einmal 20 Jahren und schon 16 Profikämpfen ein Riesentalent! Rodriguez nahm sogleich eine etwas antiquierte Haltung ein. Er stand schwer auf seinem Hinterbein und streckte die Führhand aus. Das sah zwar interessant aus, brachte aber wenige. Rodriguez ohnehin mit viel Show und Theatralik. Allerdings schaute Rodriguez ziemlich trüb aus der Wäsche, nachdem er in einer Clinch-Situation einen dicken linken Haken kassierte. Niederschlag! Die Erste somit klar für Garcia. Doch scheinbar konnte Rodriguez sich gut erholen. In der Zweiten war er wieder ganz der Alte – mit vielen Showeinlagen. Aber auch mit vielen Tiefschlägen. Insgesamt ein extrem provokanter Stil, den er hier ging. Allerdings blieb Garcia weitgehend ruhig, ließ sich nicht sichtbar verunsichern. In der Dritten kosteten diese Allüren Rodriguez einen Punkt, als er abermals einen Tiefschlag landete, was auch seinem extrem unorthodoxen Stil geschuldet war. So stand er oft sehr tief. Allerdings konnte das publikumswirksame Gebaren von Rodriguez nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser offensiv nicht viel anzubieten hatte. Das Meiste von ihm waren provokative Gesten und Heumacher von ganz außen, die man aber schon in der Wettervorhersage kommen sah. Ein verrückter Gegner! Allerdings war er durch seine Allüren sehr wirkungsvoll darin, die Halle nahezu geschlossen gegen sich aufzubringen. Was die Fans natürlich umso glücklicher machte, als Garcia in Runde fünf den TKO landete. Ein weiterer Niederschlag nach einem linken Haken (der besten Waffe von Garcia) beförderte Rodriguez mit dem Kopf unter das unterste Ringseil, von wo er nicht mehr rechtzeitig hochkam.

Ali (… nein, nicht DER Ali …) zittert sich zu einem Punktsieg

Daraufhin kam es zu einem Kampf im Weltergewicht: Mauricio Herrera (24-7) gegen Sadam Ali (26-2). Beides Kämpfer aus den USA. Ali nach insgesamt zwei vorzeitigen Niederlagen unter Druck, seinen Spitzenstatus zu behaupten. Ihm wurde mit Herrera hier ein durchaus unangenehmer Gegner serviert, der selber schon oben mitgemischt hatte. Die erste Runde vor allem eine Abtastphase. Aber Herrera agierte hier etwas smarter, da er sich gut defensiv bewegte und den Reichweitenvorteil von Ali früh negieren konnte. Überdies immer wieder freche Treffer im Clinch durch Herrera. Er schien seine Distanz etwas schneller zu finden und bewegte sich mehr nach vorne, was ihm diese erste Runde gesichert haben dürfte. In der Zweiten kam Ali stark zurück. Er überließ die Mitte Herrera und übte von außen die Initiative aus. Keine nennenswerten Wirkungstreffer dabei, allerdings kam Ali über das Volumen. Noch kristallisierte sich hier keiner, der den Kampf an sich riss. Die dritte Runde hätte man sowohl dem Einen als auch dem Anderen geben können. Allerdings schlug Ali recht viel fehl. Er hatte seine Distanz nach wie vor noch nicht gefunden und musste sich hüten, nicht zu viele Körner in Luftlöcher zu investieren. In der Vierten landete Herrera den bislang besten Treffer des Kampfes, als er eine klare Rechte an Ali unterbrachte. Herrera machte das klug und wahrte eine kompakte Verteidigung. Seine rechte Hand klebte quasi an seinem Kinn. Dennoch ging der Vorwärtsdrang mehrheitlich vom 38- jährigen Veteranen Herrera aus. Runde fünf ging dann wieder an Ali, der nun seinerseits kontinuierlich nach vorne ging. Allerdings war er nach wie vor nur bedingt überzeugend, da er immer noch viel fehlschlug. Die Defensive von Herrera war aber auch nicht leicht zu knacken. Die Sechste konnte allerdings wieder Herrera verbuchen, der wieder die Vorwärtsbewegung für sich geltend machte und Ali in In-Fights verstrickte, was dieser aber auch etwas zu bereitwillig hinnahm.

Die Siebte ging dann wieder an Ali, der nun etwas besser seine Distanz fand und so der klasse Deckungsarbeit von Herrera etwas abtrotzen konnte und mehr Boden in dieser Runde offensiv gut machte. Die Achte war wieder enger, möglicherweise eher bei Herrera. Es schien, dass die Kondition von beiden nicht die beste war. Insbesondere Ali nahm jede zweite Runde den Fuß vom Gas. Ob da der Gewichtscut Tribut forderte, eingedenk dessen dass Ali zuvor noch im Super-Weltergewicht gekämpft hatte? Auch war es wenig hilfreich, dass Ali immer noch viele Luftlöcher schlug. Die Neunte wieder knapper, als es Ali lieb sein konnte. In der Ecke sah Ali auch absolut müde aus. Zehnte und letzte Runde! Diese war knapp, aber wohl eher bei Ali. Beide Kämpfer mit Offensivaktionen in dieser letzten Runde, wobei Ali aber die klareren Treffer für sich hatte. Die Punktrichter gaben Ali einstimmig den Sieg. Das war grundsätzlich zwar vertretbar, allerdings sahen die Kampfrichter ihn jeweils sechs bis acht Runden vorne, was definitiv vollkommen unrealistisch war. Der Kampf war weit knapper gewesen!

Farmer zeigt abermals seine Klasse

Ehe es zum großen Hauptkampf des Abends ging, kam es zu einem Titelkampf um den IBF-Weltmeistertitel im Super Federgewicht: Costa Ricas Francisco Fonseca (22-1-1) forderte Tevin Farmer (27-4-1) heraus. Farmer bereits mit seinem dritten Kampf seit August. Die erste Runde eine zu erwartende Abtastphase. Farmer fing jedoch früh an, in Körpertreffer zu investieren. Er überzeugte darüber hinaus sofort mit einigen klasse Meidbewegungen. Bereits in Runde zwei zahlten sich die Körpertreffer, die Farmer auch in dieser Runde aufrechterhielt, aus. Denn die Ellbogen von Fonseca kamen langsam herunter, wodurch sich auch am Kopf Gelegenheiten ergaben. Nach zwei Runden war Farmer hier absolut auf Kurs. In der Dritten eilte Farmer weiterhin auf den Punktzetteln davon. Er glänzte mit großartiger Ökonomie. Keine verschwendeten Bewegungen. Alles, was er hier anbot, hatte eine pragmatische Dimension und zeigte zunehmend Wirkung. Fonseca keineswegs aus dem Kampf draußen, aber er hatte offensiv einfach viel weniger Anteile. In der Vierten ging es vermehrt in den In-Fight, was Fonseca einige Momente bescherte. Jedoch hatte Farmer hier wieder die Nase vorne, da er einfach wesentlich mehr ins Ziel brachte. In der Fünften schien es endgültig so, als ob Farmer hier die Nummer von Fonseca hatte. Er ließ ihn selbst in seinen ambitionierteren Momenten viel fehlschlagen und traf ihn im Gegenzug immer wieder klar. Fonseca entglitt der Kampf vollends. Doch Farmer wollte hier wohl Tatsachen schaffen. Denn in der Sechsten drückte er noch einmal aufs Gas und traf Fonseca im In-Fight mehrfach schwer. Wieder sensationelle Meidbewegungen von Farmer, der Fonseca hier vor ein Rätsel stellte. Großartige Fitness von Farmer, als er inmitten eines ohnehin arbeitsintensiven Kampfes noch mal aufdrehte! Riesen Output von ihm!

Von der Siebten an wurde es mehr und mehr zu Dienst nach Vorschrift für Farmer, dessen Überlegenheit hier soweit unübersehbar war. Er fing an, Spaß im Ring zu haben. Fonseca kämpfte hier zwar immer noch mutig mit und schien auch das Durchhaltevermögen zu zeigen, um hier die Distanz zu gehen. Doch Farmer, mit seiner überragenden Kondition, sollte in der Lage sein, das hier zu verwalten. Und auch in der Ecke musste sich Farmer eigentlich meist nur seine Lobpreisungen anhören. Fonseca ging ab der Neunten mit mehr Verbissenheit nach vorne, doch Farmer machte das clever und ließ Fonseca immer wieder in seine Schläge hineinlaufen. Aber man musste Fonseca zugestehen, dass er hier nicht resignierte und unverdrossen nach vorne arbeitete. In Runde zehn konnte er dann durchaus einige gute Treffer anbringen, wankte aber selber auch bedächtig, nachdem er mehrere Aufwärtshaken in Serie genommen hatte. Selbst in Runde elf blieb das Tempo des Kampfes ungebrochen hoch. Fonseca gewann sogar ein wenig an Boden, da er hier den größeren Output zeigte. Klasse Kämpferherz von ihm! Allerdings war klar, dass er diesen Kampf nicht mehr nach Punkten gewinnen konnte. Es war zu erwarten, dass er in Runde zwölf aus allen Zylindern feuern würde. Doch Farmer ließ hier nichts mehr anbrennen. Er gewann eine klare Decision. Aber auch Fonseca gebührte Respekt, der sein Fell hier teuer verkaufte und trotz zahlreicher Treffer selber auch ein hohes Tempo bis zuletzt mitging.

Alvarez gewinnt Narrengold!

Es kam zum großen Main Event! Englands Rocky Fielding (27-1), seines Zeichens WBA-Weltmeister im Super-Mittelgewicht, gegen Saul "Canelo" Alvarez (50-1-2). Es ging um den WBA-Weltmeistertitel. Ein Titel, den Rocky Fielding übrigens Tyron Zeuge entrissen hatte. In der Ersten verschwendeten beide nicht viel Zeit damit, einander abzutasten. Rocky Fielding der sichtbar Größere der beiden mit dem entsprechenden Reichweitenvorteil. Doch der Power von Alvarez tat dies keinen Abbruch. Denn als dieser in Runde eins einen Haken gegen die Nierengegend landete (nachdem er den Körper vom Start weg bearbeitet hatte), musste Fielding aufs Knie runter. In der Zweiten machte Fielding den Fehler, sich auf einen Kampf Stirn an Stirn mit Alvarez einzulassen. Und das Ganze mit dem Rücken zum Seil. Genau die Art Kampf, die ein Saul Alvarez wollte. Vor allem weil sie den Reichweitenvorteil von Fielding null und nichtig machte. Und auch in der Zweiten schickte ein Treffer in die große, offene Flanke Fielding mit dem Knie auf die Matte. Fielding war hier planlos und chancenlos! In der Dritten setzte es noch zwei Niederschläge (einmal gegen den Kopf, einmal gegen den Körper) und der Bart war ab!

Allerdings muss man auch dazu sagen, dass dieses Matchmaking für Saul Alvarez gemacht war. Denn Rocky Fielding war selber wie die Jungfrau zum Kind zum WBA-Titel gekommen. So sicherte sich der Mexikaner mit dieser dankbaren Fleißaufgabe den vierten Gürtel in der dritten Gewichtsklasse. Der Hype lebt!


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