Elite Trophy: Kiki Bertens kämpft mit der letzten Kraft um das dicke Trostpflaster

Kiki Bertens erreicht Halbfinale der Elite Trophy 2019 in China

Bildquelle: Steven Pisano from Brooklyn, NY, USA [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Es fühle sich so an, als würde der Körper jeden Moment in seine Einzelteile zerfallen. Die Niederländerin Kiki Bertens macht kurz vor dem Ende ihrer Tennissaison keinen Hehl daraus, in welcher Verfassung sie sich nach einer sehr langen Tortur physisch befindet. Kein Wunder: Seit den US Open hat die Zehnte der Weltrangliste der Damen keine Woche ohne Wettkampftennis bestritten. Überhaupt hat sie jede Menge gespielt 2019, vor allem sehr erfolgreich. Ein Gewinn der Elite Trophy im chinesischen Zhuhai wäre wohl für niemanden so sehr ein verdienter Abschluss vor dem Sprung ins Entspannungsbecken.

Denn wenngleich die Elite Tour in den ersten vier Auflagen von großen Namen gewonnen wurde (Venus Williams, Julia Görges, Petra Kvitova, Ashleigh Barty), so würde sie eigentlich nicht viel mehr als eine Art Trostpflaster für Bertens sein, die den Sprung ins WTA-Finale von Shenzhen in der nächsten Woche hauchdünn verpasst hatte. Nun: Sie hatte mit ihren beiden Gruppensiegen gegen Donna Vekic (Kroatien) und Dayana Yastremska (Ukraine) zumindest als einzige Spielerin bereits am Donnerstag das Halbfinal-Ticket gelöst. Jeweils in zwei Sätzen hatte die Top-Favoritin auf den Turniersieg dieses Events gewonnen, dessen Startberechtigung sich für sie in etwa so anfühlen dürfte, wie für einen europäischen Top-Fußballverein wie den FC Liverpool die Teilnahme an der Euroleague.

Auf der Zielgeraden von Bencic kassiert

Verdient hatte sich Vielspielerin Bertens in diesem Jahr den Sprung unter die besten Acht im WTA Race auf jeden Fall: Sie war vor Zhuhai auf 51 Siege gekommen, nur die Weltranglisten-Erste Ashleigh Barty hatte mehr (54). Zudem gewann Bertens zwei Turniere. Schließlich wurde sie von der Wertigkeit der Major Turniere geschluckt: Nicht in einem der vier Grand-Slam-Turniere schaffte sie es wenigstens bis ins Achtelfinale. Zu allem Überfluss wurde sie kurz vor der Abrechnung noch von der Schweizerin Belinda Bencic kassiert, indem diese das jüngste Turnier in Moskau gewann.

Ihre gute Laune hat Bertens deshalb aber noch lange nicht verloren. Trotz des schreienden Körpers spiele sie jedes Match so, als wäre es ihr Letztes in diesem Jahr, sagt sie. Und genauso könnte es ja auch sein: Sie steht im Halbfinale von Zhuhai. Gegnerin ist die Chinesin Saisai Zheng. Verlöre Bertens, könnte sie in Ruhe Weihnachten planen. Im anderen Halbfinale treffen danach die übrigen Gruppengewinnerinnen Karolína Muchová (Tschechien) und Aryna Sabalenka (Weißrussland) aufeinander.

Eine Konstellation, die Guinness-Buch-verdächtig ist

Apropos Saisai Zheng: Sie bewältigte gleich zwei Kunststücke in ihrem Heimatland. Als einzige Spielerin mit einer Wildcard und von Weltranglisten-Position 40 aus gestartet, erreichte sie also das Halbfinale. Doch das Wie war die noch höhere Kunst: In der Dreiergruppe mit Petra Martic (Kroatien) und Madison Keys (USA) hatte sie sich im finalen Duell jener Vorrundengruppe ihre 4:6, 3:6-Niederlage gerade eben so leisten können. Bei einem etwaigen 4:6 und 2:6 wäre dagegen Martic ins Halbfinale gekommen.

 

 

Tatsächlich gewannen Keys gegen Martic, Zheng gegen Keys und eben Martic gegen Zheng jeweils mit 2:0-Sätzen, sodass bei gleicher Anzahl von gewonnen und verlorenen Matches und Sätzen letztlich die Anzahl der gewonnenen und verlorenen Spiele in der Differenz den Ausschlag über die Halbfinal-Teilnahme für die Chinesin ergab. Und auch das denkbar knapp: Zheng kam auf 19:18 Spiele, Martic auf 19:19 und Keys entsprechend auf 18:19. Diese knappe Quer-Entscheidung über mehrere Matches hat womöglich Potenzial zumindest für Tennisverhältnisse, Einzug ins Guinness-Buch der Rekorde zu halten.

Berrettini, Bautista Agut und Monfils auf Zverevs Fersen

Die Herren sind derweil noch eine gute Woche von der letzten Entscheidung entfernt, wer für welche der finalen Turniere qualifiziert ist. Einiges an Klarheit herrscht dennoch seit geraumer Zeit: Ein Sextett hat sich für die ATP-Finals in London qualifiziert, (noch) nicht jedoch Alexander Zverev (Hamburg). Der befindet sich im dafür entscheidenden ATP Race 2019 live zwar noch auf dem siebenten Platz: Doch gleich drei Kontrahenten rücken ihm auf die Pelle. Zum einen Matteo Berrettini (Italien), der durch ein 7:5, 7:6 gegen den Russen Andrey Rublev ins Halbfinale des ATP 500 in Wien eingezogen ist.

Zum Zweiten will Roberto Bautista Agut (Spanien) gegen den aufschlagstarken Amerikaner Reilly Opelka beim Parallelturnier in Basel nachziehen. Und schließlich versucht auch Gael Monfils in der Runde der letzten Acht von Wien gegen den Slowenen Aljaž Bedene sein Glück, Zverev weiter unter Druck zu setzen. Zwar fehlen dem Franzosen noch einige Pünktchen zum Deutschen mehr als Berrettini und Bautista Agut. Doch scheint er von der Papierform her den am wenigsten steinigen Weg in ein dieswöchiges Finale samt der dazugehörigen (mindestens 300 für das Endspiel) Punkte zu haben. Er hätte außerdem beim entscheidenden Masters 1000 in Paris nächste Woche ein Heimspiel. Zudem befindet er sich auf einem Hallenhartplatz – dem Terrain, das ihm besonders liegt. Im Frühjahr etwa hatte er ein ATP 500 in Rotterdam eben auf diesem Belag gewonnen.


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