Flandern-Rundfahrt 2019 - Alberto Bettiol holt sich den Sieg beim belgischen Klassiker

Alberto Bettiol siegt bei Flandern-Rundfahrt 2019

Bildquelle: Ray Rogers from Novato, United States [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Aus der Rubrik Radsport News: Die belgischen Frühjahrsklassiker kamen heute zu ihrem fulminanten Finale. Und zwar in Form des zweiten der “fünf Monumente“ des Radsports im diesjährigen Kalender der UCI World Tour. Die Flandern-Rundfahrt 2019! Der Höhepunkt der belgischen Frühjahrsklassiker sowie ein Höhepunkt für Radsportfans insgesamt. Das zeigte auch in diesem Jahr wieder der große Zuschauerzuspruch an der Strecke, den man sonst allenfalls von den Königsetappen der Grand Tours kennt.

Das Radrennen war quasi eine geballte Version dessen, was schon die anderen belgischen Frühjahrsklassiker ausgemacht hatte. Etliche niedrige aber steile Berge (17 an der Zahl). Teilweise in Kombination mit Kopfsteinpflaster-Passagen und engen Rennabschnitten, in denen insbesondere mit Blick auf die letzten Sektionen des Rennes die Positionierung absolut entscheidend war, wenn man sich etwas ausrechnen wollte. Das Ganze auf langen 267 Kilometern! Hier konnte nur gewinnen, wer in glänzender Tagesform und mit taktisch raffinierter Krafteinteilung auftrat.

Früher Vogel fängt nicht immer den Wurm

Die bemerkenswerte Länge des Rennens hielt einige verwegenen Fahrer nicht davon ab, sehr früh zu attackieren. Kaum dass es aus den neutralen ersten drei Kilometern heraus war, setzte es die ersten Attacken. Das Peloton zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht gewillt, solches zuzulassen. Die kleinen Lücken, die einige Glücksritter schlagen konnten, wurden postwendend wieder zugefahren. Doch nach etwa zehn Kilometern kristallisierte sich dann doch die Ausreißergruppe des Tages heraus. Ein Quartett konnte sich erfolgreich absetzen. Die Zusammensetzung dieser Gruppe schien im Feld aber niemanden zu alarmieren, da man sie gewähren ließ.

Die Ausreißer profitierten davon, dass es im Feld aufgrund von Stürzen und einem passierenden Zug an einer Bahnschranke zu Unterbrechungen kam. Sie konnten sich phasenweise acht Minuten und länger absetzen. Doch bei einem so langen Radrennen war das ein trügerischer Vorsprung, wie sich beizeiten erweisen sollte. Als noch 160 Kilometer zu fahren waren, stürzte der Holländer Niki Terpstra (Direct Energie) schwer. Er musste medizinisch versorgt werden. Für ihn war das Rennen somit leider vorbei.

Ein langes Finale für ein langes Rennen

Als im Rennverlauf die Aufstiege dann dicht an dicht folgten und es auch immer mehr Kopfsteinpflaster-Passagen zu bewältigen galt (teilweise in Kombination miteinander), schrumpfte der Vorsprung der Ausreißergruppe sukzessive dahin. Das Ganze stark begünstigt dadurch, dass die Teams im Peloton, eingedenk der zum Teil wirklich engen Rennpassagen, immer wieder um taktisch wichtige Positionen an oder wenigstens nahe der Spitze des Fahrerfelds rangen, um Kontrolle auf das Renngeschehen ausüben zu können. Immer wieder war es beeindruckend, bei einigend der entsprechenden Rennpassagen den gewaltigen Zuschauerauflauf zu sehen. Dadurch wurden die ohnehin engen Strecken jedoch auch nicht breiter. Insbesondere wenn einige etwas zu enthusiastische Fans meinten, ihre Handykamera in die Strecke zu halten oder gar ein Selfie schießen zu müssen. Glücklicherweise führte dies nicht zu ernsten Behinderungen.

Bei der Mauer von Geraardsbergen, einem der berüchtigten Aufstiege des Rennens, der die letzten 100 Kilometer einleitete, wuchs die Spannung an. Im letzten Jahr hatte Philippe Gilbert für QuickStep hier die entscheidende Attacke gefahren, die ihn zum Sieg 2018 geführt hatte. Eine ausgedehnte Finalphase war also nicht unwahrscheinlich! Das zeigte sich auch im Feld, das sich länger und länger streckte und dabei phasenweise über einen Kilometer weit gestreckt war. Lange würde es den Laden nicht mehr zusammenhalten! Der Vorsprung der vier Ausreißer schmolz in dieser Phase rasant dahin und sie wurden alsbald von einer großen Spitzengruppe geschluckt, in der etliche der Favoriten, wie Peter Sagan, Michael Matthews, Zdenek Stybar, Bob Jungels, Wout van Aert, Greg van Avermaet und Co. vertreten waren. Auch John Degenkolb (Trek-Segafredo) und Nils Politt (Katusha Alpecin) waren aus deutscher Sicht präsent.

 

 

Van der Poel mit kämpferischer Respekt-Leistung

Es folgte eine hektische Rennphase, in der sich eine recht große, viele Favoriten und starke Fahrer umfassende Spitzengruppe vom eigentlichen Feld absetzen konnte. Immer wieder setzte es Attacken, da noch lange genug zu fahren war, um einen erfolgreichen Ausreißversuch zu unternehmen. Das Rennen wurde zu der charakteristischen Abnutzungsschlacht, als die es sich schon so oft erwiesen hat. Immer wieder waren es bekannte Gesichter, die Attacken vortrugen und dadurch den Spannungsbogen sowie das Tempo in dieser großen Spitzengruppe hochhielten. Wer hier nicht mehr die Beine hatte, wurde gnadenlos ausgesiebt. Jeder mechanische Defekt oder Sturz konnte jeden noch so starken Fahrer empfindlich nach hinten werfen. Das musste auch Mathieu van der Poel am eigenen Leib erfahren. Vor ein paar Tagen war der junge holländische Champion noch bei Dwars door Vlaanderen siegreich gewesen. Nun haute es ihn über den Lenker, als er aufgrund eines mechanischen Defekts nach Unterstützung winkte und in ein Schlagloch fuhr. Die Konzentration war mit über 200 Kilometern in den Beinen natürlich ebenfalls auf dem Prüfstand.

Van der Poel konnte jedoch weiterfahren und sich offensiv ins Renngeschehen einschalten. Bei 40 Kilometern vor dem Ziel fuhr die Spitzengruppe wieder zusammen. Beeindruckend! Van der Poel war immer noch dabei! Nun mussten aber immer mehr Fahrer Federn lassen. Die lange und arbeitsintensive Strecke selektierte nun konsequent aus. Oss und Gaviria mussten abreißen lassen. Sie würden hier und heute keine prominente Rolle mehr spielen. Alexander Kristoff (UAE) und Peter Sagan (Bora Hansgrohe) sowie Radsport-Weltmeister Alejandro Valverde (Movistar) waren immer noch in der nun schwindenden Spitzengruppe mit dabei.

Alberto Bettiol fährt solo zum Sieg

Das Rennen änderte sich ständig. Jede Attacke machte die Chancen einer vorangegangenen zunichte. Van Baarle und Asgreen gelang es phasenweise, 15 Sekunden vorauszufahren. Bei etwas unter 25 Kilometern zum Ziel war die Spitzengruppe auf etwa 15 Fahrer reduziert. Viele davon hatten nur noch Dämpfe im Gastank. Doch mit Matthews, Sagan und Kristoff waren gleich drei richtig starke Sprinter dabei. Dadurch war so gut wie sicher, dass hier noch weitere Attacken setzen würden. Mit dem Oude Kwaremont und dem Paterberg ging es in die letzten beiden entscheidenden Anstiege, ehe das Rennen flach auslaufen würde. Hier musste Greg van Avermaet abreißen lassen. Bei noch 18 verbleibenden Kilometern dann die entscheidende Attacke des Italieners Alberto Bettiol (Education First)! Er schloss zu Dylan van Baarle (Sky) auf, setzte sich aber kurz danach alleine ab.

Van Avermaet schloss wieder zur Gruppe auf, wo keiner so recht eine Verfolgung des ehrgeizigen Italieners organisieren konnte. Viele waren abgekämpft und teilweise schlich sich eine zu große taktische Vorsicht ein. Niemand wollte sich im Namen der Verfolgung aufreiben, auf dass die Konkurrenz davon profitierte. Das stellte aber nur sicher, dass es für die Gruppe bestenfalls um den zweiten Platz gehen konnte!

Denn auf den letzten Kilometern konnte Bettiol einen Vorsprung von um die 20 Sekunden kontinuierlich verwalten und fuhr alleine zum Sieg! Ein großartiger Sieg für Team Education First, der für eine bislang nicht allzu erfolgreiche Saison 2019 weitgehend entschädigte. Zweiter wurde Kasper Asgreen (Deceunick QuickStep), der sich seinerseits von der Gruppe absetzte, jedoch nicht die Kraft hatte, zu Bettiol aufzuschließen.


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