Die Woche der Underdogs - Aktuelles Round-up zu den Tennis-Turnieren

Underdorgs siegreich in der letzten Woche

Bildquelle: si.robi [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Die erste echte Sandplatzwoche im Tenniskalender 2019 der ATP und WTA ist Geschichte. Es war die etwas andere Woche, eine außergewöhnliche. Hat man nicht besonders viel mit Tennis am Hut, dann konnte man gleich einen ganzen Schwung unbekannter Namen der Szene entdecken. Denn sowohl die ATP-Turniere in Marrakesch und Houston als auch die WTA-Internationals in Lugano und Bogota wurden von Underdogs gewonnen, die sich umso ausgelassener über einen ihrer seltenen und zum Teil ersten Titel freuten – und die allesamt einen gehörigen Satz in der Weltrangliste nach vorn machten.

Drei der vier Sieger waren ungesetzt in ihre Turniere gestartet: Lediglich die 17-jährige Amanda Anisimova (USA), die gleich zum Auftakt in Bogota die Berlinerin Sabine Lisicki besiegt hatte, wurde an Position 6 geführt. Im Finale hatte sie gegen die zu diesem Zeitpunkt auf Weltranglistenposition 138 rangierende Australierin Astra Sharma reichlich zu tun, um nicht auch dem letzten Turnier eine nicht gesetzte Gewinnerin zu gönnen – und sich stattdessen den persönlichen Premierentitel auf der WTA-Tour zu sichern. Nachdem Sharma den ersten Durchgang 6:4 gewonnen und im Zweiten zweimal mit einem Break geführt hatte, konnte Anisimova mit etwas Glück die Partie doch noch auf 4:6, 6:4 und 6:1 drehen.

Andújar verpasst Titelverteidigung im Finale

Ein ähnlicher Coup blieb dem Spanier Pablo Andújar verwehrt, nachdem er noch im vergangenen Jahr das ATP 250 in Marrakesch gewonnen hatte. Im Finale 2019 hatte er sich der französischen Übermacht doch noch beugen müssen, nachdem er als einziger Nicht-Franzose das Halbfinale erreicht hatte.

Mit 2:6 und 3:6 unterlag Andújar schließlich Benoit Paire deutlich. Für Paire war es der zweite Titel auf der Haupttour der ATP, nachdem er 2015 im schwedischen Bastad erfolgreich gewesen war.

Hercog nach sieben Jahren wieder mit einem Turniersieg

Ebenfalls in Bastad hatte die Slowenin Polona Hercog ihren letzten Titel erringen können (2012), bevor sie am Sonntag im nasskalten Lugano der Polin Iga Swiatek mit 6:3, 3:6 und 6:3 das Nachsehen im WTA-International gab. Nicht allein der Weltranglistenpositionen 89 und 115 war es geschuldet, dass das Niveau im überschaubaren Rahmen blieb.

Die für ein Finale arg leeren Ränge und der Pelzmantel der Interviewerin zeichneten das für Tennisverhältnisse unwillkommene und ungewöhnliche Wetter treffend. Es war so kalt, dass die Kontrahentinnen in langen schwarzen Anzügen antraten – ein merkwürdiges Bild für ein Turnierendspiel im sogenannten „Weißen Sport“.

Heißsporn Garin mit finalen Glücksgefühlen

Gewohnt texanisch sonnig war es hingegen in Houston. Und hitzig obendrein: Das traf zumindest auf den Chilenen Christian Garin zu, der nach vier Karrieresiegen auf Sand im Rahmen der ATP-Challenger-Tour nun seinen ersten Titel auf der Haupttour an Land zog. Nach zweieinhalb mitunter wilden Tennisstunden gegen den Norweger Casper Ruud siegte der hoch emotional spielende Garin in drei Sätzen (7:6, 4:6, 6:3) und konnte nach dem verwandelten Matchball sein Glück kaum fassen.

Zum Teil wild gestikulierend hatte er während des Matches einige Linienbälle Ruuds beurteilt, wenngleich der jeweilige Ballabdruck keine Zweifel hätte aufkommen lassen sollen. Bei verschlagenen Flugbällen am Netz raufte er sich hin und wieder energisch durchs Haar wie ein Angreifer im Fußball nach einem verschossenen Elfmeter.

Ein paar wilde Sätze die Tennistreppe hoch und runter

Wer nun glaubt, wegen der selten gelesenen Namen auf unbedeutende Turniere zu schließen, sieht sich zumindest anhand der vergebenen Punkte für die Weltrangliste der Herren und Damen getäuscht.

Die Sprünge der acht Finalisten und Finalistinnen: Benoit Paire von 69 auf 43, Endspielgegner Pablo Andújar wegen des nicht erfolgreich verteidigten Titels von 70 auf 86 runter, Christian Garin von 73 auf 47, Casper Ruud von 95 auf 68. Die Damen: Amanda Anisimova von 76 auf 54, Astra Sharna von 138 auf 102, Polona Hercog von 89 auf 64, Iga Swiatek von 115 auf 88.

 

 

Deutsche enttäuschen auf der ganzen Linie

Gemessen an den Zahlen ist es für die deutschen Tennisprofis umso ärgerlicher, dass sie bei jenen Teilnehmerfeldern allesamt spätestens in der zweiten Runde gescheitert waren – selbst der in Marrakesch als Top-Favorit angetretene Alexander Zverev konnte wegen des Achtelfinal-Aus' kaum Punkte verbuchen.

Der Vorsprung als Drittplatzierter auf die nächsten bleibt damit ziemlich knapp – der Rückstand auf Novak Djokovic und Rafael Nadal vor ihm entsprechend gewaltig.

Neue Woche, neues Glück

Nachdem nun auch in der Qualifikation zum dieswöchigen Monte-Carlo Masters die Deutschen Mischa Zverev, Peter Gojowczyk und Maximilian Marterer allesamt in der ersten Runde und in zwei Sätzen ausgeschieden waren, bevor es überhaupt so richtig losging, dürfte die Erleichterung im Lager des Deutschen Tennis Bundes groß sein, dass eine neue Woche angebrochen ist, die die alte schnell ins Reich der Vergessenheit schieben soll.

Zwei Achtungszeichen: Kohlschreiber per Souveränität, Struff per Überraschung

Den Anfang dazu haben bei dem prestigeträchtigen Sandplatzturnier im Fürstentum zumindest schon einmal Philipp Kohlschreiber und Jan-Lennard Struff gemacht. Während Kohlschreiber bei seinem Auftakt des Hauptturniers gegen den Japaner Taro Daniel vor allem wegen der Deutlichkeit des 6:1, 6:3 erfreute, setzte Struff beim 5:7, 6:3, 6:1 gegen den Weltranglisten-20. Denis Shapovalov (Kanada) ein dickes Achtungszeichen.

Die Deutschen können also noch gewinnen! Die Frage angesichts der harten Partien in der nächsten Runde: wie lange in dieser Woche? Struff muss nun gegen den charismatischen Bulgaren Grigor Dimitrov ran, Kohlschreiber gar gegen den Weltranglisten-Ersten Djokovic. Alexander Zverevs Gegner steht noch nicht fest, doch spricht vieles für den kanadischen Shootingstar Felix Auger-Aliassime.


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