Gefühlt der falsche Champion: Djokovic besiegt Federer im Finale von Wimbledon

Novak Djokovic gewinnt Finale von Wimbledon gegen Roger Federer

Bildquelle: Peter M [CC BY-SA 2.0], via Flickr.com (Bild bearbeitet)

Auch deshalb ist Novak Djokovic aktuell die klare Nummer 1 der Weltrangliste der Herren im Tennissport. Sollte es noch einen Beleg bedurft haben, dann lieferte er diesen im historischen Finale von Wimbledon gegen den achtmaligen Gewinner Roger Federer. Hier siegte der Serbe am Sonntag sogar in einem Endspiel, in dem er statistisch so deutlich unterlegen war, dass man meint, nur im mit Varianz durchtränkten Fußball sei ein derart gefühlt falscher Champion möglich.

Der Kampf gegen das teils fußballtempelartige Publikum, das Federer lange schon vor der Partie zum Liebling auserkoren hatte; der Kampf gegen die Tagesform, die sich gleichfalls auf die Seite des Schweizers geschlagen hatte; der Kampf gegen den Matchverlauf, der ihn spät im fünften Satz zum vermeintlich sicheren Verlierer bei zwei Matchbällen des aufschlagenden Federers erklärt hatte: Überall bestand der „Djoker“, „überlebte“ zunächst und triumphierte später. Er setzte sich 13:12 im Entscheidungssatz durch. Der Tiebreak bei 12:12 im fünften Durchgang fand zum ersten Mal nach der Regeländerung in Wimbledon statt – nur ein Meilenstein für Statistikfreunde in einem Match für die Geschichtsbücher.

Ein Match für die Rekordbücher

Gerade drei Minuten fehlten den beiden Tennis-Granden schließlich an der Fünf-Stunden-Marke: Damit spielten sie das längste Wimbledon-Finale aller Zeiten. Drei weitere Rekorde vermasselte Djokovic seinem Dauerrivalen: Federer wäre mit seinen fast 38 Jahren der älteste Major-Sieger aller Zeiten geworden, der 21. Grand-Slam-Titel wäre ebenso eine neue Bestmarke gewesen wie bei den Herren der neunte Erfolg in Wimbledon. Lediglich Martina Navratilova hatte bei den Damen neunfach auf dem „heiligen Rasen“ gesiegt.

Rekordverdächtig gestaltete sich zudem der Verlauf und die reine Matchstatistik. Insgesamt gewann Federer 14 Punkte mehr als sein Kontrahent, eroberte sich ein letztlich nutzloses Plus von 7:3-Breaks. Vier Breaks mehr genügten nicht zum Sieg, weil Novak Djokovic ausgerechnet in allen drei Tiebreaks des Matches die Oberhand behielt. Ausgerechnet, weil gerade das Satz-Endspiel das Steckenpferd Federers in diesem Jahr war. 17:3 lautete die Tiebreak-Bilanz für den Schweizer 2019 vor dem Wimbledon-Finale, nur 6:5 die von Djokovic. In Wimbledon hatte „Nole“ seinen einzigen Tiebreak verloren, Federer seine Drei gewonnen.

Selbst dem Haudegen Federer spielen die Nerven einen Streich

Doch beim 7:6 (7:5), 1:6, 7:6 (7:4), 4:6 und 13:12 (7:3) schienen alle normalen Tennisregeln außer Kraft gesetzt. Ein wenig erinnerte das Match an den legendären Halbfinal-Sieg von Michael Stich gegen Stefan Edberg 1991. Damals siegte Stich, ohne dem Schweden auch nur einmal den Aufschlag abgenommen zu haben. Rasentennis! Im Finale 2019 führte Djokovic nach drei Sätzen mit 2:1 gegen Federer, obwohl der ihm dreimal den Aufschlag abgenommen hatte und der Serbe selbst nicht einen einzigen Breakball besessen hatte.

 

 

Nachdem Federer noch im Halbfinale den dritten Tennis-Granden im Bunde, den Spanier Rafael Nadal, in einem großartigen Match aus dem Turnier befördert hatte, zeigte er trotz all seiner Routine in den entscheidenden Situationen gegen Djokovic Nerven und wusste seine besten Chancen nicht zu nutzen. So hatte Roger Federer im Tiebreak des ersten Satzes 5:3 geführt, beim 5:4 im dritten Durchgang Break- und somit Satzball besessen und vor allem bei 9:8-Führung im Entscheidungssatz 40:15 bei eigenem Aufschlag geführt – und somit zwei Matchbälle auf dem Konto. Insgesamt muss sich Federer eingestehen, dass er ein denkwürdiges Finale verloren hatte, das er schlicht hätte gewinnen müssen – derart, dass er es realistisch sogar in nur drei Sätzen hätte gewinnen können.

Halep in unter einer Stunde zum ersten Wimbledon-Titel

Für Novak Djokovic blieb hingegen einmal mehr die Rolle des ungeliebten Champions, der wie so oft den Respekt des Publikums ergatterte, nicht aber die Herzen gewann. Die erfolgreiche Titelverteidigung war für den Serben mittlerweile der fünfte Sieg in Wimbledon. Und wer weiß? Da der „Djoker“ wohl noch einige Jährchen im Tank haben sollte, könnte er eines Tages an der Rekordmarke von neun Titeln an der Church Road kratzen.

Ewig weit weg davon ist hingegen Simona Halep, die mit ihrem Zweisatzerfolg im Finale gegen Serena Williams zum ersten Mal in Wimbledon erfolgreich war. Dennoch gehört sie schon jetzt zu den erfolgreichsten Athleten in der rumänischen Sportgeschichte. So ärgerlich für Williams das Ergebnis nach ihrer Vorjahres-Final-Niederlage gegen Angelique Kerber war, so beeindruckend war die Art und Weise, mit der sich die nun Vierte der Weltrangliste der Damen den Titel holte. Gerade einmal 55 Minuten benötigte Halep gegen die zu ungeduldig „draufhämmernde“ Williams, um sich die „Schale“ zu sichern. Damit lieferten die Damen einen Tag vor den Herren das exakte Gegenstück zu deren epischem Finale.


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