Rudi Altig – Der erste deutsche Grand Tour Sieger

Rudi Altig im Porträt

Bildquelle: No machine-readable author provided. Alex Anlicker~commonswiki assumed (based on copyright claims) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Viele mögen Rudi Altig noch als deutschen TV-Co-Kommentator und Experten kennen, der vor allem während der Glanzzeit des Team Telekom kommentierte und seine Einschätzungen teilte. Doch ältere Radsportfans mögen sich auch noch an den Fahrer Rudi Altig erinnern. Denn der war in der Tat eine signifikante Erscheinung für den deutschen Radsport. Nicht nur war er ein sprintstarker Zeitfahrer. Auch im Bahnradsport war er ein Star, ehe er auf die Straße umsattelte. Vielseitige Qualitäten, die ihn bei der Vuelta 1962 zum ersten deutschen Grand Tour Gewinner werden ließen!

Auch bei anderen Grand Tours war Rudi Altig durchaus erfolgreich. So gewann er 1962 (im selben Jahr seines Vuelta Erfolgs) die Punktewertung der Sprinter bei der Tour de France. Insgesamt konnte er 18 Etappen verteilt über alle drei Grand Tours gewinnen. Und mit der Flandern-Rundfahrt, die er mit vier Minuten Vorsprung nach einer 60 Kilometer Solo-Flucht gewinnen konnte, sowie mit Milan-San Remo konnte er auch zwei der monumentalen Eintagesklassiker im Radsport gewinnen. Doch schon vorher war sein Name unter deutschen Radsportfans bekannt – eingedenk seiner Erfolge als Bahnradfahrer.

Rudi und Willi - Ein brüderliches Erfolgsgespann

Gemeinsam mit seinem älteren Bruder, Willi Altig, bildete Rudi Altig ein schlagkräftiges Duo im Bahnradsport. Nach Erfolgen als Jugendlicher auf der Straße sowie im Querfeldeinrennen konzentrierte sich Rudi Altig mit seinem Bruder auf die Bahn. Dabei sollte das Gespann so erfolgreich werden, sodass die Altigs zu einer wiedererstarkten Popularität des Bahnradsports in Deutschland sorgten. Zum ersten Mal seit langem wurde wieder regelmäßig in ausverkauften Velodromen veranstaltet! Gemeinsam wurden die Altig-Brüder zum besten Duo ihrer Zeit auf deutscher Ebene.

Ein britischer Promoter, Jim Wallace, erinnerte sich mit Begeisterung an Rudi Altig, nachdem er ihn in Rennen in England gemeinsam mit Hans Jaroszewicz (ebenfalls ein deutscher Bahnradfahrer) aufgestellt hatte:

„Was für ein Duo diese beiden waren! Sie hatten gerade ein hochkarätiges Feld internationaler Fahrer mit all unseren besten Talenten in Grund und Boden gefahren. Nur Michel Rousseau, der später in diesem Jahr Sprint-Weltmeister wurde, konnte ihnen einen Punktesprint abnehmen. Das war im ersten Sprint. Danach gewann das deutsche Paar nicht nur jeden Sprint um Punkte, sondern auch jeden Hauptpreis [Rundenpreis] ... Sie gingen weiter nach Coventry [ein weiterer Wettbewerb, der über Ostern abgehalten wurde] und machten fast dasselbe und gewannen alles, so vorzüglich war ihre Leistung!“

In Rudi Altig erkannte Wallace ein gewaltiges Talent

Keiner hat sich jemals besser oder schneller in eine Profikarriere in der hektischen Welt des Bahnradsports eingelebt als der begabte Altig. Rudi schien nie ein Neuling zu sein. Sofort fand er sich ein, besiegte etablierte Stars und begann alsbald, die Velodrome zu füllen, die den willkommenen Anblick eines Schildes mit der Aufschrift „Haus voll“ längst vergessen hatten.“

Altig wurde schließlich Weltmeister in der Einer-Verfolgung im Bahnradsport und konnte als Profi gutes Geld in ganz Europa verdienen. Erst auf Überzeugungsarbeit der heute noch lebenden Radsport-Legende Raphaël Géminiani (Stand 04/2020, mittlerweile 94 Jahre alt) ließ sich Altig zu Straßenrennen überzeugen. Er debütierte dort 1962, wo er mit dem besagten Vuelta-Sieg sowie einem grünen Trikot bei der Tour de France sogleich einschlug wie eine Bombe!

Steckbrief zu Rudi Altig

Nationalität: Deutschland

Spitzname: Radelnde Apotheke (Resultat davon, da Altig einem Doping-Kontrolleur wahl- und sinnlos unterschiedlichste Medikamente aufzählte, die er angeblich einnehmen würde)

Teams

1959 Torpedo–Fichtel & Sachs

1960–1961 Rapha–Gitane–Dunlop

1962–1964 Saint-Raphaël–Helyett–Hutchinson

1965 Margnat–Paloma–Inuri–Dunlop

1966–1967 Molteni

1968–1969 Salvarani

1970–1971 G.B.C.–Zimba

 

 

Die größten Erfolge von Rudi Altig

 

  • Punktewertung bei der Tour de France 1962
  • 8 Etappensiege bei der Tour de France
  • 4 Etappensiege beim Giro d'Italia
  • Gesamtsieger der Vuelta a España 1962
  • 6 Etappen bei der Vuelta a España
  • Weltmeister im Straßenrennen (1966)
  • Weltmeister in der Einerverfolgung (1959) (Bahnradfahren)
  • 2x Deutscher Meister im Straßenrennen (1964, 1970)
  • Flandern-Rundfahrt (1964)
  • Milan - San Remo (1968)

Eisenhart und geradlinig

Bei der Radsport-WM 1965 kam es quasi zu einem Mexican Stand-Off, als Altig mit dem Briten Tom Simpson in den letzten Kilometer in San Sebastián einfuhr. Beide hatten hart und ebenbürtig gearbeitet, um ihren Vorsprung zu erhöhen und zu verwalten. Im Zielkilometer, als klar war, dass kein Dritter mehr hinzukommen konnte, ließen die beiden sich auf ein Gentleman‘s Agreement ein und lösten sich voneinander, sodass keiner den Windschatten des jeweils anderen nutzen konnte. Ein Duell, das Tom Simpson für sich entscheiden konnte. Allerdings konnte Rudi Altig diese Scharte ein Jahr später auswetzen und gewann die Radsport WM 1966 auf dem Nürburgring.

Noch bemerkenswerter aber war die Leistung, welche Altig beim Trofeo Barrachi zeigte, einem italienischen Zeitfahren über 111 Kilometer, welches in Zweier Teams gefahren wurde. Altig trat gemeinsam mit Jacques Anquetil an (dem historisch ersten fünffachen Tour de France Sieger). Anquetil und Altig waren nicht besonders gut aufeinander zu sprechen, da Altig bei der Tour de France desselben Jahres früh in Gelb gefahren war, was Anquetil nicht gutgeheißen hatte. Nicht etwa aus Neid, sondern weil dadurch das Team früh im Tourverlauf unter Druck gekommen war. Doch nach dem Trofeo Barrachi sollte Anquetil Altig zu Dank verpflichtet sein, Denn der gewann dieses anspruchsvolle Zeitfahren quasi im Alleingang.

René de Latour mit Erinnerungen an Altig

In einem Zeitfahren von solcher Distanz war es normal, dass sich die beiden Radrennfahrer engmaschig abwechselten, auf dass keiner die Nase zu lange im Wind haben musste. Doch Anquetil brach ein. Der Sportjournalist René de Latour erinnert sich:

„Plötzlich verlor Anquetil auf gerader Strecke den Kontakt und es entstand eine Lücke von drei Längen zwischen den beiden Partnern. Es folgte das vielleicht Außergewöhnlichste, was ich jemals in irgendeiner Form von Radrennen während meiner 35-jährigen Arbeit im Sport gesehen habe; etwas, das ich als körperliche Leistung wie einen Weltstundenrekord oder einen Triumph bei einem Monument betrachte. Altig fuhr mit 30 Meilen pro Stunde vorne - und das schon seit 15 Minuten. Als Anquetil den Kontakt verlor, musste er das Tempo lockern, warten, bis sein Partner vorbeikam, ihn kraftvoll in den Rücken schieben, nach 10 Metern wieder nach vorne sprinten und sich wieder auf 30 Meilen pro Stunde einstellen. Altig tat dies nicht nur einmal, sondern Dutzende Male.“

Völlig unglaublich gewann das Duo, trotz dessen, dass Altig so sehr für beide fahren musste, wie überhaupt jemand jemals wohl für zwei gefahren ist.


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