Sport und Politik - Missbrauch durch hochrangige Politiker

Politiker sonnen sich im Glanze erfolgreicher Sportler

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Zuschauersport und nationale Identität gehen Hand in Hand. Die kulturellen Implikationen, insbesondere bei sportlichen Großereignissen, sind unübersehbar. Solange es dabei um putzige Klischees geht, wie trommelnde Afrikaner beim Fußball oder Isländer, die den Wikinger-Schrei loslassen, hat das eine weitgehend unschuldige Dimension. Doch gibt es da auch eine Schattenseite. Und zwar dann, wenn Sport politisch vereinnahmt wird. Oder wenn politisch brisanter Kontext so flapsig aufgegriffen wird (und das ist nett gesagt), wie durch Conor McGregor während der Pressekonferenzen mit Khabib Nurmagomedov. Das alles unter den wachsam kalkulierenden Augen der UFC.

Politiker lassen sich gerne mit erfolgreichen Sportlern in Verbindung bringen. Eben weil diese kulturellen Implikationen und Projektionen, von denen Sportler immer wieder vereinnahmt werden, eine publik wirksame Strahlkraft sind. Das wissen auch Politiker.

Sportler sind auf eine Art populär, die Politiker nur selten erreichen – wenn überhaupt. Entsprechend gerne reiben sich Politiker daran, auf dass wenigstens ein wenig Glitzer abfärbt. Sie inszenieren sich als jene Figuren, die als Volksvertreter gönnerhaft den Ritterschlag erteilen für die so bewunderten Söhne und Töchter der Nation. Das fängt beim Bürgermeister an, der zwei junge Athleten, die bei einem überregionalen Event gewonnen haben, zum lokalen Pressetermin anrücken lässt. Bis hin zur Kanzlerin, die eine Anekdote inszeniert, indem sie einfach in die Umkleidekabine der Nationalmannschaft marschiert.

Das alles mag recht possierlich wirken. Doch was, wenn der Politiker neben dem Sportler ein Tyrann und Despot ist? So wie einer der Leute, der Khabib Nurmagomedov seine Glückwünsche öffentlichkeitswirksam angedeihen ließ: das tschetschenische Oberhaupt Ramsan Kadyrow.

Verstehen, wo Khabib Nurmagomedov herkommt

Khabib Nurmagomedov kommt aus Dagestan, einer der ethnisch diversesten Provinzen Russlands, die sehr muslimisch geprägt ist. Nurmagomedov selbst ist ein gläubiger Mann. Keine Seltenheit in Dagestan, eine Region, in der auch religiöse Spannungen nicht selten sind. Etwas, was Dagestan mit dem angrenzenden Tschetschenien gemeinsam hat. Dort herrscht mit Ramsan Kadyrow ein Mann, den man mit Fug und Recht als grausamen Despoten bezeichnen kann. Er lässt Kritiker verschwinden und würde am liebsten alles, was nicht gottgefällig ist, von der Landkarte tilgen (wobei unklar ist, ob er mit Gott den im Koran oder eigentlich sich selbst meint).

Kadyrow ist auch ein Mann, der es liebt, sich zu inszenieren. Und zwar an der Seite von Stars und Sportlern. Mike Tyson, Hilary Swank, Jean-Claude Van Damme und der Sänger Seal sind einige der namhaftesten Sternchen, die sich als Maskottchen instrumentalisieren ließen. Auch Lothar Matthäus hat einmal vorbeigeschaut. Bei einem Gala-Spiel spielte dieser im tschetschenischen Team gegen altgediente Brasilianer wie Bebeto, Carlos Dunga, Giovane Elber und Co. Selbstverständlich erzielte auch Großimperator Kadyrow zwei Tore.

Kadyrow ist vor allem ein großer MMA-Fan. Entsprechend suchte und fand er schon bald die Nähe zu Khabib Nurmagomedov, der eingedenk seiner lupenreinen Kampfbilanz im MMA schon lange für Schlagzeilen sorgte. Und da Nurmagomedov selber ebenfalls ein Muslim ist, so lag es nicht fern, diesen öffentlichkeitswirksam zu umgarnen. Und wer sagt schon Nein zu einem Mann wie Ramsan Kadyrow? Was ein Lothar Matthäus nicht gebacken gekriegt hat, das wird jemand aus der direkten Nachbarschaft Kadyrows auch nicht abschlagen können. Im Gegensatz zum Rekordnationalspieler sogar aus guten Gründen.

Der Preis für McGregors Narrenfreiheit

McGregor und Wladimir Putin

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Conor McGregor kommt im Vergleich zu Khabib Nurmagomedov von einem anderen Planeten. Mit seiner pompösen, vor Selbstbewusstsein strotzenden Art und seinen Siegen, die immer mit viel Panache über die Bühne gingen, hat er die UFC im Sturm erobert. McGregor lebt in seinem eigenen Film, ist Protagonist und Regisseur zugleich. Und als eben solcher war er zuletzt etwas übereifrig. Nicht nur die sonderbare Busattacke im Vorfeld des Kampfes mit Nurmagomedov, auch seine Äußerungen in der Pressekonferenz schossen deutlich über das Ziel hinaus. So stichelte McGregor ganz gezielt, was Nurmagomedovs Verbindung mit Kadyrow anging sowie mit einigen anderen lichtscheuen Figuren der russischen Geschäftswelt und Politik.

Das war insofern besonders schäbig, weil es viel zu pikant war für eine Pressekonferenz, die lediglich den Zweck hatte, einen Fight zu hypen. Denn was hätte Nurmagomedov denn bitte sagen können? Sich zu Kadyrow bekennen konnte er nicht, sonst hätte ihn die westliche Presse in der Luft zerrissen. Aber sich von ihm abgrenzen konnte er sich ebenso wenig. Das sind menschenrechtliche Allüren, die man sich öffentlichkeitswirksam gönnen kann, wenn man weit, weit weg von solchen Elendsgestalten wohnt! Nicht jedoch wenn man sie zum Nachbar hat!

Politische Tiraden seitens McGregor haben in der UFC nichts zu suchen

So etwas hat nichts, aber auch gar nichts, auf einer Pressekonferenz zu suchen! Es sei denn, es ist eine von der UN. Aber doch nicht von der UFC! Doch wie schon beim Bus-Zwischenfall wird Goldesel McGregor an der denkbar längsten Leine gehalten. Wer kann schon den Frust erahnen, der sich in Nurmagomedov bis zum Kampf angestaut hat und sicherlich nicht ohne Anteil war für das Zustandekommen der nachträglichen Massen-Keilerei. Denn alles, was McGregor von sich gab, ging unter die Gürtellinie. In einer Art und Weise, die mit potenziell amüsantem Trash Talking nichts zu tun hat. Und es war nicht das erste Mal! Conor McGregor hatte im Vorfeld seines Kampfes gegen den Brasilianer Jose Aldo (McGregors wichtigster kommerzieller Durchbruch) in der Pressekonferenz zu diesem gesagt, dass es früher Zeiten gegeben hätte, wo er mit einem Pferd in Aldos Favela geritten wäre und jeden getötet hätte, der nicht arbeitsfähig wäre.

Dass das damals nahezu keinen Widerhall erzeugt hat, ist einfach nur pervers! Und es zeigt, dass McGregor schlimmstenfalls zu befürchten hat, dass er gerügt wird wie ein kleiner, dummer Junge. Denn in den Augen von Papa UFC darf ein McGregor scheinbar alles. Zumindest solange sich genügend Menschen für seine überdrehten und bisweilen widerwärtigen Äußerungen interessieren. Nun fordert er ein Re-Match. Sportlich nicht im Geringsten zu rechtfertigen, da der Kampf absolut einseitig war. Aber kommerziell sieht das anders aus. Und in der UFC wirken derzeit Kräfte, die ihr 4-Milliarden-Investment möglichst rasch amortisieren wollen.


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